Prozess gegen Julian Assange: Der Racheakt

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16-10-20 07:49:00,

Der australische Investigativjournalist und Dokumentarfilmer John Pilger hat den Auslieferungs-Prozess gegen Julian Assange von der Besuchertribüne im Londoner Old Bailey aus verfolgt. Im Folgenden berichtet er dem australischen Arena Magazine von dieser Erfahrung. Übersetzung von Susanne Hofmann.

Sie haben den Prozess gegen Julian Assange miterlebt, können Sie die Grundstimmung im Gericht beschreiben?

Die Stimmung war erschütternd. Das sage ich, ohne zu zögern; ich habe bereits in vielen Gerichtssälen gesessen und selten so ein unfaires Verfahren erlebt; das hier ist schlicht ein Racheakt. Wenn man einmal von den Ritualen absieht, welche mit der „britischen Justiz“ verbunden sind, hat es einen bisweilen an einen stalinistischen Schauprozess erinnert.

Ein Unterschied dazu war, dass der Angeklagte in den Schauprozessen im Gerichtssaal stand. Im Assange-Prozess war er hinter dickes Glas gesperrt und musste, unter Aufsicht seines Wächters, auf Knien zu einem Schlitz im Glaskasten krabbeln, um Kontakt zu seinen Anwälten aufzunehmen. Seine Nachricht, die er kaum hörbar durch eine Maske flüsterte, wurde dann mittels kleiner Post-it-Zettelchen quer durch den ganzen Gerichtssaal getragen, dorthin, wo seine Anwälte ihn gegen die Auslieferung in ein amerikanisches Drecksloch verteidigten.

Führen Sie sich einmal folgende tägliche Routine von Julian Assange vor Augen, Assange – einem Australier, der vor Gericht steht, weil er mit seiner journalistischen Arbeit die Wahrheit gesagt hat. Er wurde um fünf Uhr morgens in seiner Zelle im Belmarsh-Gefängnis, im trostlosen zersiedelten Süden Londons, geweckt. (Als ich Julian zum ersten Mal in Belmarsh gesehen habe, nachdem ich eine halbe Stunde lang ‚Sicherheits‘-Kontrollen über mich ergehen lassen musste, inklusive einer Hundeschnauze an meinem Hintern, stand ich vor einer schmerzlich schmalen Gestalt, die da alleine saß und ein gelbes Armband trug. Er hatte innerhalb weniger Monate mehr als zehn Kilo Gewicht verloren; seine Arme hatten keine Muskeln mehr. Seine ersten Worte lauteten: „Ich denke, ich verliere meinen Verstand.“ Ich versuchte ihm zu versichern, dass das nicht stimmte. Seine Widerstandskraft und sein Mut sind beeindruckend, doch irgendwann ist das Maß des Erträglichen voll. Diese Begegnung liegt nun mehr als ein Jahr zurück.)

In den vergangenen drei Wochen, noch vor Morgengrauen, wurde er einer Leibesvisitation unterzogen, gefesselt und für den Transport zum Central Criminal Court, dem Old Bailey, vorbereitet, den er in einem Kleinlaster zurücklegte, den seine Partnerin Stella Moris als aufgerichteten Sarg beschrieb.

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