Der Weg in den Krieg

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18-10-20 09:10:00,

von Richard Evans

In diesem Eröffnungsvortrag werde ich über die Ursachen des Krieges sprechen. Sowohl während des Krieges als auch später, beeinflusst von Winston Churchills umfangreichen und weit verbreiteten fünf Bänden seiner Geschichte, ging man davon aus, dass die Nazi-Aggression den Krieg verursacht hatte und dass die Briten und die Franzosen früher hätten dagegenhalten müssen. Aber diese einfache Erklärung wurde von Alan J. P. Taylor vor fast einem halben Jahrhundert in seinem Buch The Origins of the Second World War (Die Ursprünge des Zweiten Weltkrieges, 1961) torpediert. In diesem provokativen Werk, das dazu beitrug, die Ansichten einer Generation zu diesem Thema zu formen, erinnerte Taylor seine Leser daran, dass 1939 Großbritannien und Frankreich Deutschland den Krieg erklärten und nicht umgekehrt. „Warum haben sie das getan?“, fragte er.

Seine Antwort ist von späteren Historikern weitgehend akzeptiert worden. Großbritannien und Frankreich hätten aufgrund altmodischer Staatsräson den Krieg erklärt, argumentierte er. Die deutsche Expansion in Europa untergrub das Gleichgewicht der Kräfte, und sie wollten es wiederherstellen. Moralische Einwände hatten damit nichts zu tun, obwohl sie natürlich, wie schon bei der deutschen Invasion im neutralen Belgien 1914, sofort Teil der alliierten Propagandakampagne wurden.

Taylor entkräftete die Rhetorik, die Michael Foot und seine Kollaborateure in ihrer Kriegspolemik Guilty Men (Schuldige Männer, 1940) populär gemacht hatten, indem sie den britischen Premierminister Neville Chamberlain und seine Minister an den Pranger stellten, weil sie nach einer friedlichen Lösung im Verhältnis zu Nazi-Deutschland suchten, anstatt, sagen wir, 1936 einen Krieg loszutreten, zu einem Zeitpunkt, als die Aggression noch gestoppt und die Verbrechen in ihrem Umfang hätten begrenzt werden können.

Auch hier ist Taylors Argument von späteren Wissenschaftlern auf diesem Gebiet weitgehend akzeptiert worden: Das Streben nach einer friedlichen Lösung war weder politisch blind noch moralisch verwerflich, sondern der einzige vernünftige und ehrenhafte Weg, den die britische und die französische Regierung einschlagen konnten, als die deutschen Absichten noch unklar waren oder sich zumindest auf eine Revision des Versailler Vertrags zu beschränken schienen.

Dieser Vertrag und die damit verbundenen Nebenabkommen, die zusammen die Friedensregelung von 1919 bildeten, zeichneten nach der Niederlage Deutschlands und seiner Verbündeten im Ersten Weltkrieg die Karte Europas neu. Die Friedensordnung wurde bald nach ihrem Zustandekommen als unfair gegenüber den besiegten Nationen, heuchlerisch und unmoralisch angesehen — eine Ansicht, die Chamberlain und seine Regierung weitgehend teilten.

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