Der Rachefeldzug

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20-10-20 04:56:00,

Timothy Erik Ström: Als direkter Beobachter von Assanges Prozess, wie würden Sie die Atmosphäre im Gerichtssaal beschreiben?

John Pilger: Die vorherrschende Atmosphäre war schockierend. Ich sage das, ohne zu zögern: Ich habe in vielen Gerichtsverhandlungen gesessen und selten eine solche Korrumpierung der Verfahrensregeln erlebt; das hier hatte mehr mit Rache zu tun. Das mit „britischer Justiz“ verbundene Ritual fehlte ganz, das Prozedere erinnerte stellenweise an einen stalinistischen Schauprozess.

Ein Unterschied ist aber, dass in diesen Schauprozessen der Angeklagte mitten im Gerichtssaal stand. In dem Prozess gegen Assange war der Angeklagte hinter dickem Glas eingesperrt, und wenn er mit seinen Anwälten kommunizieren wollte, musste er, unter den Augen seines Wächters, auf Knien zu einem offenen Schlitz im Glas kriechen. Die Nachricht, die dann ganz leise durch die Atemschutzmasken geflüstert wurde, wurde tatsächlich aufgeschrieben und über die Länge des Saales zu den vorn sitzenden Anwälten durchgereicht, die gegen seine Auslieferung in eine amerikanische Gefängniszelle kämpfen.

Stellen Sie sich den folgenden Tagesablauf von Julian Assange vor, eines Australiers, der für wahrheitsgetreuen Journalismus vor Gericht steht. Er wird um fünf Uhr in seiner Zelle geweckt, einer Zelle des Belmarsh-Gefängnisses in den öden südlichen Vorstädten von London. Als ich Julian das erste Mal sah, nachdem ich eine halbe Stunde lang durch Sicherheitschecks hatte gehen müssen, inklusive einer Hundeschnauze, die meine Rückseite untersuchte, fand ich eine sehr dünne Figur vor, alleine sitzend mit einem gelben Armband. Er hatte in ein paar Monaten 10 Kilo abgenommen, seine Arme hatten keine Muskeln. Seine ersten Worte waren: „Ich glaube, ich verliere den Verstand.“ Ich versuchte, ihn des Gegenteils zu versichern. Seine Widerstandskraft und sein Mut sind beeindruckend, aber nicht unbegrenzt.

Das war vor über einem Jahr. In den letzten drei Wochen wurde er, noch vor dem Morgengrauen, leibesvisitiert, mit Handschellen gefesselt und für den Transport ins Gericht vorbereitet, in einem Fahrzeug, das seine Partnerin, Stella Moris, als hochkant gestellten Sarg beschreibt. Es gab ein kleines Fenster, das man nur im unsicheren Stand erreichen konnte, um hinauszusehen. Fahrzeug und Wachpersonal gehören der Firma Serco, einer der vielen politisch wohlvernetzten Firmen, die Boris Johnsons Großbritannien am Laufen halten.

Die Fahrt zum Gerichtsgebäude namens Old Bailey dauerte mindestens anderthalb Stunden. Das bedeutete am Tag mindestens drei Stunden Holperei durch den Kriechverkehr. Julian wurde zu seinem engen Käfig im hinteren Teil des Gerichtssaales geführt.

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