Die maskierte Öffentlichkeit

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23-10-20 02:06:00,

Öffentlichkeit: Das ist ein Ort der Begegnung, der für die Politik ganz ähnlich funktioniert wie der Markt für die Wirtschaft (1). Was immer der Staat sich ausdenkt, muss vor der Bürgerschaft bestehen. Das heißt auch: Wir müssen darüber sprechen können. Rede, Gegenrede. Alles auf den Tisch. Normalerweise überlassen wir dieses Gespräch Organisationen und Auserwählten. Parteien, Gewerkschaften, Verbände. Der Präsident der Ärztekammer sagt dies, die Professorin das und die CSU etwas ganz anderes. Zu sehen oder zu hören in Presse, Funk und Fernsehen.

Diese Medienrealität beobachten wir aus drei Gründen. Wir wollen erstens wissen, wer die Macht hat. Wer hat es geschafft, sich selbst, seine Themen und seine Deutungen in die Öffentlichkeit zu bringen? Macht ist heute Definitionsmacht (2). Macht hat, wer einen „Grenzwert“ festsetzen kann und einen „Schwellenwert“, die dann zu einer Realität werden, der sich auch deshalb niemand entziehen kann, weil Kritiker entweder gar nicht gehört oder diffamiert werden.

Das führt direkt zu Grund zwei: Wir nehmen an, dass sich die anderen, die Menschen um uns herum, an der Medienrealität ausrichten werden. Also müssen wir diese Realität kennen. Sonst sind wir überrascht, dass der Sitznachbar im ICE austickt, wenn die Maske verrutscht. Drittens aber, und das ist für die Argumentation hier am wichtigsten, drittens wollen wir auf Nummer sicher gehen. Ist das, was wir selbst denken und für wichtig halten, wirklich präsent in der großen Arena? Kennt die Politik unsere Sorgen und Nöte, wenn sie über Sperrstunden entscheidet?

Die Öffentlichkeitstheorie beschreibt ein Wechselspiel zwischen drei Ebenen. Ganz oben stehen dabei die Leitmedien. Wer oder was hier nicht erscheint, bleibt unsichtbar. Auf den beiden Ebenen darunter aber, in Versammlungen und im Alltag, bei den vielen zufälligen Begegnungen hier und dort, kommen wir ins Spiel. Hier können wir die Medienrealität und uns selbst auf die Probe stellen. Sehe nur ich die Dinge so oder gibt es Gleichgesinnte? Können wir uns vielleicht sogar zusammentun und eine Demonstration organisieren, eine Mahnwache, eine Petition — etwas, was erst von den Redaktionen wahrgenommen werden muss und dann auch von der Politik?

Und damit zu den Masken. Mona Pauly hat das in einem Beitrag für die Freitag-Community auf den Punkt gebracht. Zusammengefasst: Die Politik braucht Bilder. Wie produziere ich Angst und das Gefühl, bedroht zu sein, wenn die Betten in den Kliniken leer sind und man auch kaum Kranken- oder gar Sterbegeschichten erzählen kann,

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