“Es ist wahnsinnig schwer, anständig zu bleiben”

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23-10-20 10:57:00,

Bild: Jip Film

  1. “Es ist wahnsinnig schwer, anständig zu bleiben”

  2. “Die Leute aus dem Ausland sind immer noch billiger als die Vollautomatisierung”


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Interview mit Filmemacherin Yulia Lokshina über Sprachlosigkeit und Ausbeutung

Yulia Lokshina hat den richtigen Riecher bewiesen. Drei Jahre lang arbeitete sie an einem Dokumentarfilm über Arbeits- und Lebensbedingungen in deutschen Schlachtbetrieben, lange bevor der Corona-Ausbruch bei Tönnies die Missstände von Werkvertragsarbeitern offenbaren konnte. Ihr Film “Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit” premierte im Januar 2020 beim Filmfestival Max Ophüls Preis und wurde als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet.

Doch Filmschaffende wie Lokshina haben es im Corona-Jahr schwer, insbesondere wenn sie wie in diesem Fall den Film der Stunde liefern, den niemand zu Gesicht bekommen kann. Nun kommt ihr hochintelligenter Dokumentaressay – wer weiß für wie lang – doch noch in die Kinos. Zum bundesweiten Kinostart sprach Telepolis mit Yulia Lokshina über ihren Film und ihre Einblicke in die Welt jener, die für den Schweineschlachtungs-Europameister Deutschland systemrelevant sind.

In deinem Film geht es um die weitestgehend gesellschaftlich akzeptierten asozialen Verhältnisse in der Fleischindustrie in Deutschland. Gleichzeitig begleitest du eine Theatergruppe einer Münchner Schule, die Brechts “Die heilige Johanna der Schlachthöfe” inszenieren will. Wie passt das zusammen? Was haben die Schülerinnen im Vorort mit Arbeitsbedingungen in Schlachtbetrieben zu tun? Beide Welten scheinen entfernter nicht liegen zu können.

Yulia Lokshina: In unserem Film geht es um innereuropäische Leiharbeiter und Arbeitsmigration, um Werkvertragsarbeiterinnen, die aus Osteuropa kommen und in unserem Fall in Westdeutschland in den Fleischbetrieben arbeiten. Es geht um die Hilflosigkeit und Ausbeutung von bestimmten Gesellschaftsgruppen, wie sich bestimmte Probleme und Ausbeutungssysteme halten und nicht auflösen lassen.

Im größeren Zusammenhang geht es auch darum, wie eine Gesellschaft sich strukturiert und wie Bessergestellte Verantwortung übernehmen für schlechter Gestellte – oder eben auch nicht. Wie bestimmte Gesellschaftsschichten sich überhaupt verbunden fühlen in so einem größeren gesellschaftlichen Gefüge. Deswegen gibt es in dem Film auch eben zwei Stränge mit den Schülerinnen und mit den Arbeiterinnen. Zwischendurch geht es ganz viel um Wirtschaftssysteme, Lebenssysteme, Kapitalismus und Sozialismus.

Die Schüler fahren nicht nach Rheda-Wiedenbrück, sondern nehmen den Weg des Schultheaters, um sich den real existierenden Problemen anzunähern. Gelingt ihnen das?

Yulia Lokshina: Die Schüler sind durchaus sehr entfernt von diesen Lebens- und Arbeitsbedingungen migrantischer Biografien,

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