… und wieder sind sie die Opfer der Türkei: die Armenier …

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23-10-20 11:01:00,

Christian Müller / 23. Okt 2020 –

Ein neues Buch von Amalia van Gent über Armenien gibt dem hierzulande wenig bekannten Land ein Gesicht – unvorhergesehen aktuell.

Armenien! Den Namen öfters gehört, aber kaum beachtet?

Armenien im Kaukasus ist ein Land mit einer langen und oft traurigen Geschichte: Es war das erste Land, das den christlichen Glauben zur Staatsreligion erklärte, im Jahr 301, also zwölf Jahre, bevor der Römische Kaiser Konstantin die christliche Religion zuliess, um sie 324 sogar zur Staatsreligion zu machen. Armenien, ein kleines Binnenland, mit heute rund drei Millionen Einwohnern, ohne Bodenschätze wie das muslimische Nachbarland Aserbaidschan, das über reiche Ölquellen verfügt. Armenien ist dafür reich an historischen Schätzen, reich an alten Klöstern, und auch reich an wachem Geist. Nicht zufällig gab es auch im Westen zur Zeit der Sowjetunion, zu der Armenien damals gehörte, die träfen Witze von «Radio Jerewan», wie sich ältere Semester auch heute noch erinnern können. Anfrage an Radio Jerewan: «Was ist der Kapitalismus?» – Antwort von Radio Jerewan: «Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen». Zusatzfrage: «Und was ist der Kommunismus?» – Antwort von Radio Jerewan: «Da ist es genau umgekehrt».

Die Armenier waren in ihrer Geschichte immer und immer wieder die Verfolgten. Am schlimmsten im Jahr 1915, als die damals erfolgreichen Jungtürken zur Ermordung und zur Vertreibung der Armenier aufriefen und über eine Million Armenier umgebracht wurden. Einer der schlimmsten Genozide der Weltgeschichte! Und bis heute für die Armenier ein kollektives Trauma, zumal die offizielle Türkei diesen Genozid immer noch bestreitet.

Und jetzt, seit Ende September, Krieg mit dem muslimischen Nachbarland Aserbaidschan, das nach den Worten Tayyip Erdoğans «in jeder möglichen Form und bedingungslos von der Türkei unterstützt» wird. Zwischenzeitlich erwiesenermassen sogar mit dem Einsatz von bezahlten dschihadistischen Kämpfern.

Amalia van Gents Buch «Aufbruch am Ararat» ist ein Glücksfall für alle kulturell und geopolitisch Interessierten. Die Autorin, die viele Jahre NZZ-Korrespondentin in Istanbul war, kennt den Kaukasus von unzähligen Aufenthalten sehr gut und hat zu allen Seiten enge Beziehungen. Sie beschreibt die phantastisch schönen Landschaften von Armenien, sie erzählt von persönlichen Begegnungen, sie berichtet über die politischen Auseinandersetzungen und Entwicklungen seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Wer das Buch gelesen hat, hat eine klare Vorstellung von diesem Land und seiner Bevölkerung, seinen Problemen – und nicht zuletzt auch davon,

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