Der ausgeschlossene Tod

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28-10-20 11:13:00,

„Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Suizid treiben, einen in den Krieg führen usw. Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten“ —Bertolt Brecht, „Me-ti. Buch der Wendungen“.

„Was ist der Makel der menschlichen Rationalität? Sie tut so, als sähe sie den Horror und Tod nicht, der am Ende der von ihr konstruierten Pläne steht“ — Don DeLillo, „Cosmopolis“.

Der Tod und die ökonomische Notwendigkeit. Will man all jene Argumente, die seit Monaten zur Verhängung des Lockdowns auf die Menschen einprasseln, auf ihre wesentlichen Aussagen reduzieren, so blieben diese beiden Begrifflichkeiten als letztgültige Begründungen über. Die Macht besagt: Wir verhindern, dass ihr an Corona sterbt. Wobei sie gleichzeitig sagt: Wir haben nicht die erforderlichen (letztendlich ökonomischen) Kapazitäten, um euch gesundheitlich zu versorgen.

Während in unserer westlichen Gesellschaft wirtschaftliche Sachzwänge beinahe täglich bei kleinen und großen politischen Debatten als Argument herhalten, stellte die Rede vom unmittelbar bevorstehenden Tod, den das Coronavirus verursachen könnte, für die meisten Menschen ein Schockmoment dar, das seine Wirkung auch nicht verfehlte.

Die verkündete Pandemie traf in weiten Teilen der Welt auf eine Gesellschaft, die in ihrem Alltag, ihrer Verfasstheit, ihren politischen Grundzügen und in der Ausrichtung von Arbeit und (gemeinschaftlichem) Leben den Tod aus dem kollektiven Bewusstsein verbannt — und das Sterben ausgelagert hat, in entfernte Länder oder in die Betten im Krankenhaus. Für den Umgang mit diesem und allen noch folgenden Krankheitserregern ist es daher in der Diskussion notwendig, den Toten des Virus die übrigen Toten eines wirtschaftlichen Systems an die Seite zu stellen, dessen VertreterInnen letztere als unumgängliche Notwendigkeit einkalkulieren und kaum einer weiteren Erwähnung für wert befinden, erstere hingegen seit Aufkommen der Krankheit als beständige Drohung verwenden, um mit ihnen zu disziplinieren und zu regieren.

Um einen aufkommenden Verdacht zu entkräften: In dieser Argumentation wird nicht aufgerechnet, sondern ein Gegensatz zu zeigen versucht, zwischen dem angeblich kurz bevorstehenden und dem immer bevorstehenden Sterben. „Der Tod ist der politischen Ökonomie immanent“ (1), sie will nur zumeist von ihm nichts wissen und hören. Und wenn doch, so dient er in der Sprache der Kapitalisten herrschenden, nicht humanitären Interessen.

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