Kein AHA-Moment

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28-10-20 11:11:00,

Sie habe echt die Schnauze voll, postete unlängst eine junge Frau bei Twitter. „Könntet ihr euch endlich mal an die Regeln halten, damit das endlich mal geschafft ist?«, schloss sie ihre Unmutsbe-kundung. — Wie sie, so sehen das dieser Tage viele. Sie wähnen sich um die Früchte ihrer Regeltreue betrogen. Für sie heißt es jetzt, möglichst schnell wieder regeln: Damit die Infektionszahlen zurückgehen, Corona ein für alle Mal vorbei ist.

Dieses falsche Verständnis pandemischer oder virologischer Dynamiken kommt nicht von ungefähr. Die Bundesregierung hat es geschürt. Sie hat dieses Narrativ in die Welt gesetzt. Den Popanz aufge-baut, dass man Pandemie regulieren könne — und sie an manchen Stellen nicht einfach nur aushal-ten muss. Diese Haltung hat über Monate ein falsches Bild vermittelt.

AHA: Das ist kein Ausruf des Erstaunens oder — schroff betont — des Ertappens. Das ist die Abbreviatur des Augenblicks, die Abkürzung des Jahres 2020. Sie bedeutet Abstand, Hygiene und weil es noch was mit A sein sollte: Alltagsmaske. Nur „Maske“ wäre das Kürzel AHM gewesen. AHM klingt jedoch sehr nach Ähm, also eher nach Ratlosigkeit. Diese Blöße wollte man sich ganz offenbar nicht geben.

In der Abkürzung steckt die ganze Wahrheit deutscher Corona-Zuversicht: Wer diese drei Lettern einhält, so heißt es seit März oder April dieses Jahres, der wäre nicht nur auf der sicheren Seite, sondern helfe quasi auch, das Coronavirus auszumerzen. Nur bei Einhalten der AHA-Regel kommt keine zweite Welle, ebben die Infektionen ab, rotten wir die Pandemie aus. Daher rührt der stets wiederholte Appell: „Bleiben Sie vorsichtig!“

Als dann im Laufe des Augusts die Zahlen der positiv Getesteten erst leicht, später dann etwas stär-ker anzogen, behauptete die Bundesregierung, dass dies der allgemeinen Leichtsinnigkeit geschuldet sei. In jenen Wochen stiegen die vermeintlichen Infektionszahlen zwar an, aber die Ursache wurde sehr selten erwähnt: Auch die Testungszahlen legten massiv zu. Die Positivquote blieb allerdings relativ konstant, war teilweise sogar niedriger als in den Wochen zuvor, in denen es noch weniger Tests und weniger Testpositive gab. Dennoch mahnte die Regierung zur Vorsicht, riet dringend zu AHA.

Denn, dass diese einfachen Regeln nicht mehr beachtet würden, so hieß es, falle uns gerade auf die Füße. Statistisch zwar nicht haltbar, aber die Mär war schon im Lande: Jene nämlich, dass AHA die Heilslehre für unseren Fortbestand sei.

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