Evolution auf der Überholspur

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29-10-20 01:52:00,

Covid-19 sollte uns als Warnung dienen. Das Virus führt uns vor Augen, dass unsere Zivilisation verwundbar ist. Bisher hatte die Menschheit mehr Glück als Verstand. Zwar entstanden neue Krankheitserreger, aber sie waren entweder sehr ansteckend und wenig pathogen (1) oder kaum ansteckend, aber tödlich. Die Schweinegrippe infizierte Millionen, aber die Krankheit war eher harmlos. An der Vogelgrippe starb jeder zweite Infizierte, an MERS anfänglich jeder dritte, aber die Epidemien konnten erstickt werden. Covid-19 wurde pandemisch.

Wie viele Menschen das Virus das Leben kosten wird, ist gegenwärtig noch unabsehbar (Ende Juni 2020 lag die Zahl der Todesfälle, die mit Tests bestätigt wurden, bei rund 500.000 weltweit). Nichts garantiert, dass der nächste Erreger nicht noch tödlicher sein wird, und die nächste Pandemie kommt mit Sicherheit.

Bei den meisten neuen Infektionen — etwa zwei Drittel — handelt es sich um Zoonosen. Natürlich sind solche Krankheiten nicht neu, sie begleiten die Menschheit, seit sie sesshaft wurde. Landwirtschaft mit Vorratshaltung zieht wilde Tiere an, die gezähmten Tiere leben eng mit den Menschen zusammen. Je mehr überregionaler Austausch stattfindet, umso schneller und umfangreicher verbreiten sich Epidemien. Andererseits bremst ein wachsender Wohlstand sie ab: Bessere Ernährung und weniger Entkräftung machen die Menschen widerstandsfähiger. Übertragungswege werden geschlossen — zum Beispiel durch bessere Wohnverhältnisse, Kanalisationen und sauberes Trinkwasser.

Seit dem 19. Jahrhundert wirken auch biomedizinische Maßnahmen wie Impfungen und eine gesundheitspolizeiliche Kontrolle den Infektionen entgegen. Auf Grundlage der verbesserten Lebensverhältnisse durchlaufen die Industriestaaten seit dem späten 19. Jahrhundert den sogenannten epidemiologischen Übergang. Die Seuchen ziehen sich zurück, die Bevölkerungen leiden und sterben fortan eher an chronischen und degenerativen Krankheiten wie Krebs oder Krankheiten der Atemwege und des Herzkreislaufsystems.

Wir haben es folglich mit einem komplexen Wechselspiel zu tun: Wissenschaftlicher und sozialer Fortschritt drängt die Erreger zurück, während ihnen der Weltmarkt und besonders Reisen neue Verbreitungsmöglichkeiten eröffnen. Katastrophen, Kriege und die extrem ungleichen Lebensverhältnisse auf unserem Planeten wirken wie Brandbeschleuniger. Das Ebolavirus bricht in einem abgelegenen Dorf in Waldguinea aus, das gerade erst in die globalen Waren- und Finanzströme eingebunden wird, und der Erreger schafft es unter Umständen bis nach Dallas in den Vereinigten Staaten.

Die Lösung ist einfach, naheliegend und unter kapitalistischen Verhältnissen völlig utopisch: weltweite Mindeststandards für Ernährung, Hygiene und medizinische Versorgung. Stattdessen setzt die internationale Seuchenkontrolle — maßgeblich von der WHO organisiert — auf frühzeitige Erkennung (Surveillance) und die Eindämmung durch die jeweiligen Nationalstaaten,

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