Wider die krankmachenden Wundheiler

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29-10-20 01:52:00,

Nina Böhmer ist Krankenschwester mit Leib und Seele, doch sie ist auch wütend. Am 23. März 2020 machte die 28-Jährige ihrer Wut mit einem Statement auf ihrem Facebook-Account Luft. Darin äußerte sie sich zur Lage der Beschäftigten im Gesundheitswesen und reagierte auf den Beifall auf Balkonen und auf Straßen im Frühjahr:

„Fassen wir mal zusammen.

Erst sollen wir einen Mundschutz und Schutzkittel für mehrere Patienten benutzen.

Wir sollen weiterarbeiten, wenn wir Kontakt zu einem Corona/Covid-19 Patienten hatten.

Dann werden Personaluntergrenzen ausgesetzt, für die lange gekämpft wurde. Das heißt, scheißegal, es könnte eine Pflegekraft 50 Patienten betreuen.

Dann sagt Herr Spahn, es geht gar nicht um die Bezahlung in dem Beruf, es ist nur wichtig, den Job attraktiver zu machen.

Und jetzt müssen wir nicht mehr in Quarantäne nach Kontakt, wir können schon früher zur Arbeit gerufen werden, sagt das RKI! Diejenigen, die hier empfehlen, dass am besten alle zu Hause bleiben sollen wegen des gefährlichen Virus! Schämt euch, diejenigen, die das RKI hoch in den Himmel heben!

In einem Beruf, der jahrelang unterbezahlt ist … wo alle am Limit arbeiten … wir sollen jetzt die Helden sein und werden so behandelt? Eigentlich sollten genau jetzt alle Pflegekräfte ihren Job kündigen!

Ich bin richtig doll traurig und enttäuscht, ich fühle mich verarscht und ich kann es nicht fassen. Ich bin ernsthaft sprachlos. Vielleicht kann man jetzt meine Posts verstehen … ich bin sauer.

Und euer Klatschen könnt ihr euch sonst wo hinstecken, ehrlich gesagt … Tut mir leid, es so zu sagen, aber wenn ihr helfen wollt oder zeigen wollt, wie viel wir wert sind, dann helft uns für bessere Bedingungen zu kämpfen!“

Weil sich seit ihrem Wutstatement wenig verändert hat — außer dass Böhmer zahlreiche Interviews geben durfte — hat sie das Buch „Euren Applaus könnt ihr euch sonst wohin stecken“ geschrieben, das im Juli erschien. Darin benennt sie, was im Gesundheitssystem schiefläuft: vom Pflegenotstand über den Materialmangel bis zur Zeitnot. „Der Beifall galt nicht den Pflegern und Krankenschwestern“, stellt Böhmer fest, „sondern sollte die eigene Angst vertreiben — das ist menschlich, hilft dem Klinikpersonal aber kein bisschen.“

„Dem Applaus folgte die große Stille“,

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