Mut zur Freiheit

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30-10-20 08:07:00,

Etliche Philosophen, Psychologen und Psychoanalytiker sind davon überzeugt, dass der Mensch Angst vor der eigenen Freiheit hat, darunter auch Søren Aabye Kierkegaard und Erich Fromm. Daher ist es nicht verwunderlich, dass eine Idee Emma Goldmans so wenig Gehör findet. Geschweige denn weiter diskutiert wird. Goldman beschreibt eine Wirklichkeit, in der der Mensch frei ist und aus seiner Freiheit heraus eine harmonische Gesellschaftsordnung lebt. Emma Goldman nennt dies Anarchismus und eine „Philosophie von der Souveränität des Individuums“ (1).

In dieser Theorie geht Goldman, wie sie in ihrem 1910 erschienenen Essay „Anarchism: What It Really Stands For“ — Anarchismus: Wofür er wirklich steht — beschreibt, davon aus, dass der Mensch „nur in Freiheit […] seine wahre Größe entfalten“ kann(2). Ein Standpunkt, dem auch Erich Fromm 1941 in seinem Buch „Die Furcht vor der Freiheit“, vollkommen zustimmt: „wir wissen, […] da[ss] alles, was der Freiheit dient und was den Mut und die Kraft fordert, wir selbst zu sein, lebensfördernd ist“ (3). Dass eine solche Freiheit nur möglich ist durch Abwesenheit von Gewalt — ganz gleich in welcher Form — ist für beide eine Selbstverständlichkeit.

Allerdings führt diese Freiheit und die mit ihr verbundene Eigenverantwortung bei vielen Menschen zu einer solchen Angst, dass sie sich lieber bereitwillig allen möglichen irrationalen Autoritäten unterordnen. Eine Welt, in der sich der Einzelne gar nicht mehr vorstellen kann, dass sie auch anders aussehen könnte.

Den Ansatz, den Emma Goldman und andere Anarchisten vertreten, jede Form der Regierung sei abzuschaffen, da sie auf Gewalt beruht, mag auf den ersten Blick radikal erscheinen, aber vielleicht sollten wir uns einem neuen Verständnis von Regierung öffnen. Dieses neue Verständnis begreift Regierung nicht als regulierendes Kontrollorgan, sondern als Plattform, auf der Entscheidungsprozesse — öffentlich und für jeden zugänglich — verlaufen.

Stattdessen nehmen wir eine Regierung hin, die wichtige Informationen über Entscheidungsprozesse mit dem Verweis, sie seien „vertraulich“, geheim hält. Diese Tatsache wirft die Frage auf: Wen repräsentiert eigentlich die Regierung?

Eine Frage, die sich auch bei jeder Entscheidung aufdrängt, die im EU-Parlament getroffen werden soll. Gemeint ist aktuell die Entscheidung über eine gesetzliche Verpflichtung zur Steuertransparenz für alle in der EU tätigen internationalen Unternehmen mit einem Umsatz, der 750 Millionen Euro übersteigt. Die Bundesregierung spricht sich dagegen aus, liefert aber keinerlei Informationen darüber, warum sie sich gegen eine jährliche Steuereinnahme von schätzungsweise 70 Milliarden Euro für die Staatskassen der EU-Länder entscheidet (4).

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