Halbe Wahrheiten sind keine

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01-11-20 09:10:00,

Medienkritik zum Corona-Journalismus – Teil 3

Die Corona-Berichterstattung wird die Medienforschung noch intensiv beschäftigen. Erste Studien zeigen einzelne Problembereiche auf, kommen aber zu recht guten Gesamtbewertungen. Anhand von vielen Beispielen zeigt unser Autor Defizite für einzelne Qualitätskriterien auf. Damit ist keine quantitative Wertung verbunden. Vielmehr wollen die vielen Einzelfälle und Aspekte Angebote sein, wo sich eine wissenschaftliche oder medienjournalistische Vertiefung lohnen könnte. Im dritten Teil geht es um das Qualitätskriterium “Vollständigkeit”.

Eine journalistische Berichterstattung, die faktisch richtig ist, muss noch lange nicht gut sein. “Gut” als Qualitätsurteil meint hier: Orientierung bietend (siehe Teil 2: Wenn schon die Fakten nicht stimmen). Denn es kann alles richtig sein und doch ein völlig falsches Bild ergeben. Vollständig ist eine journalistische Darstellung, wenn nicht durch weitere Informationen ein relevant anderes Bild entsteht. Wer mag, darf das Qualitätskriterium Vollständigkeit auch als Teil der Richtigkeit sehen (weil “die halbe Wahrheit” eben gerade keine Wahrheit ist und auch juristische Konsequenzen haben kann).

In jedem Fall ist Vollständigkeit ein eigener Prüfaspekt in der Medienkritik. Die Bedeutung der Vollständigkeit eines Beitrags hat Brigitte Fehrle als ein Fazit ihrer Arbeit in der “Relotius-Kommission” des Spiegel auf den Punkt gebracht:

Die am weitesten verbreitete Manipulation ist im Übrigen nicht das Hinzuerfinden, sondern das Weglassen.

Brigitte Fehrle, in: journalist 7/2019, S. 36-40

Allerdings verlangt Manipulation Vorsatz. Wo es diesen in der Corona-Berichterstattung gegeben haben mag, soll hier nicht untersucht werden. Lücken in der medialen Darstellung sind jedoch weit verbreitet. Dabei sind zwei Ebenen zu unterscheiden: der einzelne Beitrag und das publizierende Medium (Zeitung, Sender, Website).

Ein Beitrag muss so vollständig sein, dass er alle für die Orientierung notwendigen Informationen zum konkreten Ereignis bzw. behandelten Problem enthält. Dazu gehört auch, nicht zu schließende Lücken aktiv zu benennen, anstatt sie schweigend zu übergehen. Für die Berichterstattung eines Mediums verlangt Vollständigkeit, den weiteren Verlauf im Blick zu behalten, Reaktionen und Entwicklungen aufzugreifen und stets zu prüfen, ob insgesamt, in der Summe der eigenen Beiträge, ein für die individuellen Nutzer wie die Gesellschaft hilfreiches Angebot besteht.

Die alte Denksportdisziplin von den Erkenntnisbegrenzungen des Menschen können wir dabei ignorieren: Dass kein Lebewesen “die Realität” erfasst, sondern aus einigen wenigen Informationen eine “eigene Wirklichkeit konstruiert”, ist geradezu banal, auch wenn etwa das “Funkkolleg Medien und Kommunikation” diese Selbstverständlichkeit vor 30 Jahren auf Romanlänge ausgebreitet hat (jedenfalls in meiner Erinnerung).

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