Personalengpass auf den Intensivstationen – das Versagen der Politik wird abgewälzt

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03-11-20 01:58:00,

Es ist Herbst, die Zahl der Covid-19-Infizierten steigt. Und mit der Zahl der Infizierten steigt auch die Zahl der schweren Krankheitsverläufe, die eine intensivmedizinische Betreuung verlangen. Noch sind die Kapazitäten gewaltig, doch Ärzte- und Medizinfunktionäre warnen nun vor einer „trügerischen Sicherheit“. Nicht die Betten, sondern das Personal sei der Flaschenhals. Diese Erkenntnis ist nicht neu und profan. Erstaunlich ist vielmehr, dass die Politik wider „besseren“ Wissens nichts, aber auch überhaupt nichts, getan hat, um den Personalengpass zu beseitigen, sondern sich monatelang – angefeuert von den Medien – mit sinnfreien Nebenkriegsschauplätzen beschäftigt hat. Und nun muss das Pflegepersonal die Scharte wieder auswetzen. Das Land Niedersachsen hat bereits eine Verfügung erlassen, die es Kliniken erlaubt, Krankenschwestern per Zwang 12 Stunden am Tag arbeiten zu lassen. Wo bleibt der Aufschrei? Von Jens Berger.

Lassen Sie es mich zynisch ausdrücken: Wenn jetzt Funktionäre des Gesundheitswesens und Politiker plötzlich so tun, als seien sie überrascht, dass die Kapazitäten des deutschen Gesundheitssystems ja doch nicht so großzügig sind, wie sie auf dem Papier ausschauen, ist dies an Dreistigkeit kaum zu überbieten. Die prekäre Personalsituation in den Krankenhäusern ist seit mindestens zehn Jahren bekannt. Bereits im Jahr 2011 hatte ich dazu einen Artikel verfasst, an dessen Aussage sich bis heute nichts geändert hat. Die damals genannten 50.000 Fachkräfte fehlen noch heute. Die Überbelastung für das Personal ist nicht besser, sondern schlimmer geworden. Vier von fünf Krankenhäusern finden keine Ärzte für vakante Posten. Jedes dritte deutsche Krankenhaus musste im letzten Jahr Intensivbetten sperren und Fachbereiche von der Notversorgung abmelden. Seit dem Erscheinen dieses Artikels haben drei Bundesregierungen, alle unter der Führung von Angela Merkel, und drei Bundesgesundheitsminister die prekäre Personalsituation in den deutschen Krankenhäusern wohlfeil beklagt und gleichzeitig keine Hand gerührt, um dieses offensichtliche Problem ernsthaft anzupacken. Selbst im Vergleich zur in vielen Bereichen mangelhaften Politik der letzten Regierungen ist das Totalversagen auf diesem Gebiet geradezu mit den Händen zu greifen. Doch wen hat dies in der Vergangenheit interessiert? Kaum ein Thema wurde derart stiefmütterlich behandelt und auch von den Medien weitestgehend ignoriert wie der allgegenwärtige Pflegenotstand in deutschen Krankenhäusern.

Zeit verplempert, Chancen verpasst

Und dann kam Corona. Plötzlich wurde für Ärzte und Schwestern geklatscht und für einen kurzen Moment dachte man, es könnte sich tatsächlich etwas an der Misere ändern, war doch zumindest im Frühjahr die prekäre Situation des Pflegepersonals endlich mal ein Thema.

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