Warum die Corona-Debatte an den Waldalarm erinnert

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04-11-20 10:48:00,

Hanspeter Guggenbühl / 04. Nov 2020 –

Der Wald ist lichter geworden, die Debatte darüber leiser. Das scheint paradox. Ein Rückblick und der Versuch einer Erklärung.

Red. Unter dem Titel «Mehr Schäden im Schweizer Wald als während des ‘Waldsterbens’» berichtete Infosperber am 26. Oktober, wie sich der Zustand des Schweizer Waldes langfristig veränderte. Den Fokus richtete der Autor dort auf die jüngste Entwicklung, die der extrem trockenen und heissen Vegetationsperiode im Jahr 2018 folgte. Im heutigen Artikel schaut der Schreibende zurück auf die alarmierenden Berichte in den 1980er-Jahren, und er analysiert die sich wandelnden Erkenntnisse über die Ursachen und Folgen der Waldschäden.

Zwischen der aktuellen Corona-Epidemie und den Waldschäden seit den 1980er-Jahren gibt es eine Reihe von Parallelen:

– Beide Themen alarmierten und dominier(t)en während längerer Zeit die öffentliche und politische Debatte. Die Corona-Epidemie tut das intensiv seit acht Monaten, das sogenannte «Waldsterben» beschäftigte die Gesellschaft und Politik, wenn auch weniger intensiv, ab 1983 während mehreren Jahren.

– Beide Themen nähren sich aus Daten, deren Aussagekraft heute in Frage gestellt wird: Die Zahl der positiv auf Covid-19 getesteten Personen bestimmt den Alarmpegel bei Corona, der Anteil der zu mehr als 25 Prozent verlichteten Bäume jenen der Waldschäden.

– Bei beiden Themen wechselten Dramatisierung und Beschwichtigung kurzzeitig.

– Beide Themen spalten Politik und Gesellschaft in Alarmierende und Verharmlosende. Beim Wald wandelte sich die anfängliche Angst vor einem grossflächigen Absterben zum Hohn über die «Waldsterbens-Lüge».

– Bei beiden Themen ging die Zunahme an Wissen einher mit einer zunehmenden Ungewissheit.

Das Paradox und der Versuch einer Erklärung

Das Paradoxe beim Thema Wald: Obwohl die Schweizer Waldbäume heute im Schnitt kahler sind als während des Höhepunkts der «Waldsterbens»-Debatte, berichten die Medien nur noch spärlich darüber. Und trotz mehr Wissen wagen sich die Interpreten der Waldschäden heute weniger weit auf die Äste hinaus.

Das erste Paradox lässt sich erklären. Aufmerksamkeit erhalten Dinge, die sich verändern. Wenn ein Problem klein ist, aber schnell stark zunimmt wie etwa der Anteil der zu einem Viertel verlichteten Bäume in den 1980er-Jahren, gibt die Abweichung mehr zu reden, als wenn das Problem langfristig unverändert gross bleibt. Das zweite Paradox erkannte schon Sokrates. Je mehr wir forschen oder nachdenken, desto detaillierter erkennen wir,

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