Wenn das Haus brennt

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04-11-20 02:31:00,

„Das, was um dich geschieht / geht dich nichts mehr an.“ Wie die Geografie eines Landes, das du für immer verlassen musst. In welcher Weise betrifft es dich noch? Gerade jetzt, da es nicht mehr deine Angelegenheit ist, da alles zu Ende zu sein scheint und jedes Ding und jeder Ort in seiner wahrhaftigsten Form erscheint, gehen sie dir in gewisser Weise näher — so, wie sie sind: Glanz und Elend.

Die Philosophie, eine tote Sprache.

„Die Sprache der Poeten ist immer eine tote Sprache (…) begierig sich auszusprechen: eine tote Sprache, die gebraucht wird, um dem Denken mehr Leben einzuhauchen.“

Vielleicht keine tote Sprache, sondern ein Dialekt. Dass Philosophie und Poesie in einer Sprache sprechen, die weniger ist als Sprache, bestimmt das Maß ihres Ranges, ihrer besonderen Vitalität. Die Welt wiegen, beurteilen, indem man sie an einem Dialekt misst, an einer toten und doch auferstandenen Sprache, an der es kein einziges Komma zu ändern gibt. Fahre fort, diesen Dialekt zu sprechen, nun, da das Haus brennt.

Welches Haus brennt? Das Land, in dem du lebst, oder Europa oder die ganze Welt? Vielleicht sind die Häuser, die Städte schon niedergebrannt, wir wissen nicht, seit wann, in einem einzigen immensen Brand, den wir nicht zu sehen vorgaben. Von einigen bleiben nur Mauerstücke, eine mit Fresken bemalte Wand, ein Stückchen des Daches, Namen, viele Namen, schon angebrannt. Und doch bedecken wir sie so akkurat mit weißem Putz und verlogenen Worten, sodass sie intakt erscheinen. Wir leben in Häusern, in Städten, die von oben bis unten verbrannt sind, als ständen sie noch. Die Leute täuschen vor, dort zu leben, und treten maskiert hinaus auf die Straße zwischen die Ruinen, als wären es noch die vertrauten Viertel von einst.

Und nun hat die Flamme ihre Form und Natur verändert, ist eine digital, unsichtbar und kalt geworden, aber gerade deshalb ist sie näher, umgibt uns immer und überall.

Dass eine Zivilisation — eine Barbarei — untergeht, um sich nie wieder zu erheben, ist schon geschehen und die Historiker sind es gewohnt, Zäsuren und Schiffbrüche zu markieren und zu datieren. Aber wie soll man Zeugnis ablegen von einer zugrunde gehenden Welt mit verbundenen Augen und bedecktem Gesicht, von einer Republik, die ohne Klarheit und Stolz in Ablehnung und voller Angst zerfällt?

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