„Viele Länder haben trotz ihrer Lockdowns weit mehr Tote als Schweden“

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05-11-20 11:23:00,

Am letzten Freitag berichtete der in Schweden lebende deutsche Journalist und Fotograf Henning Rosenbusch für die NachDenkSeiten über das in deutschen Medien meist sehr einseitig kommentierte „schwedische Modell“ der Corona-Politik, das eher auf Selbstverantwortung und nicht auf staatliche Zwangsmaßnahmen und Lockdowns setzt. Nun hatte Rosenbusch die Gelegenheit, den schwedischen Arzt Sebastian Rushworth, der sich nicht nur medizinisch, sondern auch publizistisch mit Corona beschäftigt, zum schwedischen Modell zu befragen. Wie kam Schweden durch die Pandemie? Und steht Schweden wirklich schlechter da als andere Länder, die auf rigorose Maßnahmen und Lockdowns setzten?

Dieses Interview ist der zweite Teil einer als mehrteilige Serie angelegten regelmäßigen Artikelreihe, in der der deutsche Journalist und Fotograf Henning Rosenbusch für die NachDenkSeiten aus Schweden berichtet. Bereits erschienen ist der Artikel „Auffälliges Schweigen über Schweden“.

Dr. Sebastian Rushworth ist tätig in der Notaufnahme einer der sechs großen Kliniken Stockholms und befand sich somit im April im Zentrum des schwedischen Covid-19-Sturms. Der 37-jährige dreifache Familienvater und Mediziner, der am königlichen Karolinska-Institut, das jährlich den Nobelpreis verleiht, studierte, betreibt einen Internetblog, auf dem er evidenzbasierte medizinische Erkenntnisse auch Nicht-Wissenschaftlern zugängig machen will. Seine Beiträge zum Thema Covid-19 finden international Beachtung und wurden auch ins Deutsche übersetzt.

Herr Dr. Rushworth, gibt es für Sie als Familienvater einen Ort, wo Sie während dieser Pandemie lieber wären als in Schweden?

Dr. Sebastian Rushworth: Nein. Ich glaube, dass man sich in Schweden mehr an wissenschaftliche Evidenz gehalten hat, als an populistische Forderungen nach immer härteren Maßnahmen. Aber nicht, weil wir irgendwie klüger wären als andere. Der Großteil der schwedischen Massenmedien forderte, ganz ähnlich wie die ausländische Presse, einen harten Lockdown, wie etwa der Chefredakteur der größten schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter, Peter Wolodarski, am 13. März in einem Leitartikel. Wie in fast jedem anderen westlichen Land füttern und fütterten schwedische Medien die Menschen täglich mit kumulierten Fallzahlen oder Todesstatistiken, die sehr selten eingeordnet und in Kontext, etwa zu Grippewellen in anderen Jahren, gebracht werden.

Die schwedischen staatlichen Gesundheitsstellen, mit Anders Tegnell als Staatsepidemiologen an der Spitze, können jedoch aufgrund verfassungsrechtlicher Vorgaben weitgehend selbst entscheiden, und die Möglichkeiten der Regierung, sich in die tägliche Arbeit der Beamten einzumischen oder Beschränkungen für Einzelpersonen durchzusetzen, sind stark limitiert. Die Bewegungs- und Reisefreiheit beispielsweise sind in Schweden ein hohes Gut.

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