Berliner WC-Skandal

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06-11-20 11:01:00,

Die Pandemie werde durch die Einhaltung strikter Hygienevorschriften im Zaum gehalten, heißt es amtlich. Zur Hygiene gehört aber auch die Notdurft – und die ist in der Hauptstadt Berlin im öffentlichen Bereich gerade nicht verrichtbar, weil die WCs, derer es ohnehin viel zu wenige für die 3,5 Millionen Einwohner der Metropole plus Gäste gibt, geschlossen sind. Wegen Corona. Ein weiterer Mist, der zum Himmel stinkt, sagt Frank Blenz.
 
Das Römische Reich ging krachen. Dann wurde es hunderte Jahre still um das stille Örtchen der Römer mit Wasseranschluss. Das Mittelalter hielt Einzug, das Plumpsklo ohne Wasser, krasse Missstände in Sachen Hygiene folgten und zahlreiche Gesundheitskatastrophen wie die Pest – bekanntermaßen fehlender Sauberkeit geschuldet. Die Pest heißt heute Corona, die Ursachen sind wieder fehlende Hygiene, Sauberkeit, Achtsamkeit. Und da fällt dem Senat von Berlin nichts Besseres ein, als die wenigen öffentlichen Toiletten zu schließen und das auch den Tankstellenbetreibern aufzutragen: Tür zu vom Klo! Die Gaststätten als Anlaufpunkte für das stille Örtchen sind ebenfalls dicht – dank Lockdown light. Light? Sich erleichtern geht somit nur noch zu Hause, auf Arbeit oder in den Einkaufspassagen, oder…?  
 
In Charlottenburg. Eine junge Frau mit ihrem Kind fährt mit Buggy schnurstracks auf eine Toilette zu, will hinein, sieht das Schild. Flucht: „Ditt jibt es doch nich, so eine Scheiße!“ Die Mutter schimpft, sie hat die Faxen dicke, schnappt sich das Kindchen, Hose runter in den Busch, Schaukelgriff und Wasser marsch. Doch halt…  Das ist eine Ordnungswidrigkeit, die im Amtsdeutsch „Wildpinkeln“ genannt wird. Bei der handelt es sich juristisch um eine „Erregung öffentlichen Ärgernisses“, die als Ordnungswidrigkeit mit einem Bußgeld bestraft wird. In Berlin kostet das 20 Euro.
 
Weil es in der Hauptstadt (und im ganzen Land ist das nicht besser) im Verhältnis zur Bevölkerung sehr wenige öffentliche Toiletten gibt, hat die Wildpinkelei Hochkonjunktur. Und nun heftiger, weil die Klos zu sind. Corona. Händewaschen, Desinfizieren, Mundschutz tragen, Abstand! Diese Worte werden getrommelt, Tag für Tag. Dass Gesundheit und Hygiene noch andere Orte und Lebensumstände berühren, dies indes ignoriert wird, wie bei der WC-Schließung der Hauptstadt, stinkt zum Himmel. Es ist aber richtig und wichtig, dass Themen wie Hygiene, Gesundheit und Körperkultur insgesamt zum Alltag gehören und gehegt und gepflegt werden, weil diese Themen nicht Alltag waren – vor Corona nicht und dies ist jetzt in Coronazeiten nicht anders.

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