Die Corona-Zeitreise

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06-11-20 03:23:00,

Bevor wir die Zeitreise im Winter 2018 beginnen lassen, sei zum Verständnis vorweggeschickt, dass ich bis zum Beginn des Lockdowns selbst ein „Hypochonder“ war und in etwa dem Typus von Bürger glich, der heute als vernünftiges Vorbild gilt. Der Corona-Lockdown ging bei mir mit einem Sinneswandel einher, der mir eine gänzlich neue Perspektive auf das Thema Viren, Infektion, Gesundheit und Hygiene eröffnete. Dieser Sinneswandel, meine Emanzipation von der Rolle des virenfürchtenden Hypochonders, habe ich einem Artikel aus dem Juli dieses Jahres ausführlich beschrieben.

In der nachfolgenden Zeitreise begeben wir uns in den Januar 2018. In dieser Zeit wütete in Deutschland die schlimmste Grippewelle seit 30 Jahren, die am Ende rund 25.000 Menschen das Leben kostete. Also mehr als 2,5 Mal so viel, wie in Deutschland diesjährig dem Coronavirus zum Opfer fielen. Wirklich gekümmert hatte das — außer die unmittelbar betroffenen — niemanden. Niemand trug eine Maske, hielt irgendwelche Sicherheitsabstände ein oder desinfizierte sich die Hände blutig. Das wollen wir in der Retrospektive ändern.

Ich sende mit diesem Artikel mein ehemaliges Hypochonder-Ich knapp drei Jahre in die Vergangenheit, überspitze dabei maßlos und drehe den Hypochonder-Regler von hundert auf zweihundert Prozent, sodass mein damaliges Ich sich in der Grippe-Saison im übertriebenen Maße so verhält, wie es heute all jene tun, die unter dem Corona-Regime und in der mittlerweile von einer Blockwart-Mentalität verseuchten Gesellschaft als „vernünftig“ und vorbildlich gelten. Die nachfolgende Zeitreise wird aus der Perspektive meines damaligen, fiktionalen Ichs erzählt.

Januar 2018, in einer kleinen Universitätsstadt. Es ist saukalt, Klausurenphase und Grippesaison. Ich betrete den Bahnsteig, auf dem gleich meine S-Bahn eintreffen wird. Überall diese Blicke aus den Gesichtern, die mich schief ansehen. Ich weiß gar nicht, was mich mehr stört: dass mich alle so dämlich ansehen oder dass ich ihre Gesichter sehe. Ihre unmaskierten Gesichter. Denn ich bin — so scheint es — der einzige vernünftige Mensch, der hier mit einer Mundschutzmaske rumläuft. Das Influenzavirus geht um und dieses Jahr ist es besonders unbarmherzig und mörderisch.

Und diese ganzen unvernünftigen Menschen um mich herum tun so, als wäre alles normal. So, als hätten wir hier keinen virologischen Ausnahmezustand, keine Pandemie von nationaler Tragweite. Da gibt es sogar manche, die bei dieser Arschkälte unter ihrer Jacke nur ein V-Neckshirt tragen, oder junge Mädchen, bei denen zwischen Sneaker und Hosenende noch die nackten Knöchel rausgucken.

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