Werden wir immer kindischer? – Eine Rezension

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08-11-20 01:41:00,

Kann man in unserer Gesellschaft von erwachsenen Menschen nicht mehr erwachsenes Verhalten erwarten? Werden wir in unserem Verhalten immer kindlicher? Der Journalist und Autor Alexander Kissler diagnostiziert in seinem Buch „Die infantile Gesellschaft“ genau dies. Wir seien eine Gesellschaft der Kindsköpfe geworden, in der sich immer mehr Erwachsene genauso verhielten: wie Kindsköpfe. Unser Autor Udo Brandes, der das Buch für die NachDenkSeiten gelesen hat, stimmt Kisslers These zu. Meint aber, dass Kisslers Argumentation zu wünschen übrig lässt und an einer Stelle ebenfalls ein infantiles Denken offenbart.

Alexander Kissler bezieht sich in seinem Buch mehrfach auf das Buch „Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur“ des österreichischen Philosophen Robert Pfaller. Dessen brillante Analyse war offenbar eine wichtige Inspirationsquelle für ihn und sein Thema. Er übernimmt auch Pfallers Definition von Erwachsenheit, nämlich dass diese kein biologisches Faktum sei, sondern eine Haltung. Dazu gehöre u. a., zwischen „öffentlich“ und „privat“ zu unterscheiden und im öffentlichen Raum von sich selbst und den eigenen Bedürfnissen absehen zu können:

„Die Kunst des Erwachsenenseins besteht darin, Distanz zu ertragen, abstrahieren zu können, von sich selbst absehen zu können, den Unterschied zwischen drinnen und draußen, Privatheit und Öffentlichkeit, Ich und Nicht-Ich ermessen zu können. (…) Er (der Erwachsene; UB) hält weder die Welt für eine Ausformung des Ichs noch das Ich für einen bloßen Wurmfortsatz der Welt. (…) Unter Erwachsenen spricht man auf erwachsene Art und Weise miteinander. Man versteckt sich nicht hinter Wolken der Empfindsamkeit oder in der Maske der Rechthaberei“ (S. 216-217).

Die gesellschaftliche Realität sei aber ins Gegenteil abgedriftet, denn wir würden (hier zitiert Kissler den Journalisten Tobias Haberl):

„(…) vom Zeitgeist dazu ermuntert, immer noch empfindlicher gegenüber anderen Meinungen zu werden, was man wunderbar auf Twitter beobachten kann, wo inzwischen jedes Wort, das nicht hundertprozentig besenrein ist, reflexhaft sanktioniert wird“ (S. 129).

Dies sei insbesondere ein Problem in Bildungsbereichen:

„Staatliche Schulen und Hochschulen legen einen Korridor des Erwünschten, jenseits fachlicher Inhalte. Das Korrekte übertrumpft im Zweifel das Wahre. Aus der einen Universitas Litterarum werden die vielen „Safe Spaces“ der Sensiblen. Studenten werden beschützt vor den Zumutungen unzeitgemäßer Wissensformen, Dozenten – ich korrigiere: Lehrende – vor falscher Neugier. Ausgangspunkt in beide Richtungen: der Mensch als ewiges Kind“ (S. 129).

Kisslers Schlussfolgerung, die ich ausdrücklich teilen kann:

„Eine Gesellschaft kann nur dann in zahllose Schutz- und Schonräume zerfallen,

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