Orwells Schweine in der Provinz

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10-11-20 01:54:00,

Nein, Politiker waren sicherlich noch nie eine Gruppe, die ich bewundert habe oder deren Leistungen mich gar inspiriert hätten, meinen Lebenslauf in ähnlicher Weise zu gestalten. Sicher, es gibt durchaus Menschen, deren tatsächliche Berufung es ist, sich politisch zu engagieren und für die Wünsche und Sorgen der Menschen zu interessieren, diese zu erörtern, abzuwägen und zu vertreten. Für diese Politiker endet das Erklimmen des Baums der Macht in der Regel ziemlich schnell im unteren Geäst.

Für die allermeisten anderen Vertreter der politischen Zunft jedoch hat Douglas Adams — Sie wissen schon, der mit der 42 — in seinem Roman „Das Restaurant am Ende des Universums“ treffend festgehalten, dass es eine Tatsache sei, „dass diejenigen Menschen, die Menschen regieren wollen, ipso facto diejenigen sind, die dafür am wenigsten geeignet sind“. Lao Tse hingegen konstatierte im Tao-Te-King, dass der beste Anführer jener sei, der gar nicht bemerkt wird. Über 2.000 Jahre später genügt ein flüchtiger Blick in Tageszeitungen, Tweets und Talkshows, um die Antithese dieser Weisheit sehr leicht als bestätigt zu erkennen.

Mag sein, dass mir die nötige Empathie fehlt, die Motive von Entscheidern in ihrer Sinnhaftigkeit erfassen zu können. Tagein, tagaus sollen die Mächtigen aus unzähligen Möglichkeiten wählen, denen sie — inhaltlich und hinsichtlich ihrer Folgenreichweite meist völlig überfordert — ohnmächtig gegenüberstehen. Dass sie in diesen Fällen gerne das Angebot von nicht immer ganz selbstlosen Beratern in Anspruch nehmen, liegt wohl in der Natur einer ständig komplexer gewordenen Welt.

In leider nicht mehr ganz so seltenen Sachverhalten werden aber auch schon einmal die vielen verfügbaren Optionen per Order Mufti bis zur Alternativlosigkeit ein- oder weggedampft. Immerwährend gilt es dabei einen festen Klammergriff zu behalten, denn besonders in Zeiten von Krisen, unvorhersehbar oder gar herbei beschworen, weht ein kräftiger Sturm durch den Machtbaumwald. Dies ist eine ausgezeichnete Gelegenheit für manchen Politkraxler, dem Wind etwas nachzuhelfen und in der Hoffnung auf eine schönere Aussicht und schmackhaftere Früchte an den oberen und seitlichen Ästen zu schütteln. Nicht zuletzt haben die weiter oben nistenden Lobbyvögel das buntere Gefieder und die bequemeren Nester.

Der Weg nach oben ist zwar gespickt mit Dornen der Ungereimtheiten und Widersprüchlichkeiten, über die man aber mit der entsprechenden Hornhaut gut hinwegklettern und dies „mit großer Gelassenheit ertragen kann“, wie jüngst die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann bei einem Abstecher in die oberschwäbische Provinz formuliert hat.

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