Der europäische Patient

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12-11-20 04:34:00,

Elf Jahre vor dem Ende der Sowjetunion, also im Jahre 1980, schrieb Norbert Elias in seinem Essay Die Fischer im Mahlstrom diesen prophetischen Satz: „Wahrscheinlich wären sie Gegner (Russland und die USA, Anm. des Autors), auch wenn beide in der kommunistischen oder beide in der kapitalistischen Weise regiert würden.“

Damals ging es um Abrüstungsverhandlungen und Elias war der Meinung, dass es nicht genüge, Abrüstungsverträge zu schließen, um den Kalten Krieg zu beenden. Man müsste auch die ideologische Hochrüstung reduzieren: „Aus der Nähe betrachtet, funktioniert keines der beiden Systeme so gut, dass es sich lohnte dafür zu sterben. Aber ein hochemotionales Phantasiedenken, das Korrelat der sehr realen Bedrohung, die beide Großmächte füreinander bilden, verwandelt zwei noch sehr unvollkommene Gesellschaftssysteme in die lebende Verkörperung ewiger Ideale und Werte. Manifest geschieht es vor allem im Namen dieser Ideale und Werte, dass sie einander als Feinde ansehen.“

Es wird heute viel zu wenig erinnert, dass im Westen nie eine Demobilisierung des affektiven Arsenals aus dem ideologischen Stellungskrieg gegen den Osten stattgefunden hat. Zu diesem Arsenal gehören (leider immer noch) Bilder des Hasses, der Verachtung und des Misstrauens, die tief im kollektiven Gedächtnis des Westens verankert sind. Sie werden manifest in unzähligen schriftlichen oder mündlichen Überlieferungen, ja selbst in den nichtsprachlichen Intonationen, die mitschwingen bei Zentralbegriffen wie „Russe“ oder „Moskau“ oder „Kreml“. Würde man den alten psychologischen Versuch machen und ließe politisch wenig interessierte Zeitgenossen auf mehrstufigen Skalen von angenehm bis unangenehm, oder von freundlich bis unfreundlich, die Kennworte Washington, Moskau, Weißes Haus, Kreml, einordnen, so kämen vermutlich signifikante Unterschiede zwischen Amerika und Russland heraus.

Diesen Gefühlslagen, oder emotionalen Dispositionen, gehen keine erkenntnismäßigen Recherchen voraus, sondern sie wachsen, vor aller erkenntnismäßigen Befassung, Kindern und Jugendlichen beim Älterwerden zu. Sie sind also dem Erkenntnisprozess vorgeschaltet und beeinflussen unbewusst die Wahrnehmung und das daraus resultierende Weltbild. Was aus dem unendlichen Fluss des Geschehens ins Bewusstsein dringt, wird stark durch emotionale Dispositionen (Motivationen) beeinflusst. Und es wird nicht alles mit jedem Augen-Blick neu taxiert, denn Wahrnehmung ist zu großen Teilen nur ein Abgleich mit vorhandenen Erinnerungsbildern oder Bewusstseinsinhalten. Das Gedächtnis spielt also bei der Wahrnehmung eine erhebliche Rolle. Und es ist nun schon in dritter Generation vorprogrammiert mit den Gefühlslagen und fantasiegetränkten Erinnerungsbildern aus dem Arsenal des Kalten Krieges.

Die emotionale Spannung des Kalten Krieges ergab sich aus dem Kontrast zwischen Selbstbild und Feindbild.

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