Die Gewaltinszenierung

die-gewaltinszenierung

14-11-20 02:21:00,

Der 9. Oktober 1989 war ein historischer Tag in Leipzig. An diesem Montag versammelten sich, wie seit Monaten, die Anhänger der diversen demokratischen Bewegungen in der Nikolaikirche zum Friedensgebet und zogen anschließend auf den Leipziger Innenstadtring. An diesem Tag gelang es erstmals, den gesamten Demonstrationszug, dem sich auf seinem Weg zehntausende Bürger anschlossen, über den circa 3,6 km langen Ring zu führen, ohne dass die Staatsmacht eingriff. Sie hatte vor der Masse schlichtweg kapituliert. Dies war der Durchbruch für die friedliche Revolution in der DDR. Die Menschen erkannten, dass ab diesem euphorischen Moment alles möglich war und sie vor dem Regime keine Angst mehr haben mussten.

In diese Fußstapfen wollte die von Querdenken 711 organisierte Demonstration am 7. November 2020 treten. Ausgangspunkt sollte eine Kundgebung auf dem Augustusplatz sein, die sich von dort aus dann auf den Weg um den Ring machen wollte. Wer dieses Vorhaben schon im Vorfeld als anmaßend oder gar als Verrat an der Revolution von 1989 kritisierte, übersieht den heute so dringend benötigten symbolischen Charakter der Aktion. Von Leipzig sollte wieder ein zentraler, angstbefreiender Moment ausgehen: Befreiung von der Angst vor einem vermeintlich überall lauernden Virus und Befreiung von der Angst vor einer Staatsmacht, die zum vermeintlichen Schutz davor in sämtliche Lebensbereiche eindringt.

Nun, 31 Jahre später, fiel gleißendes Sonnenlicht auf den Augustusplatz inmitten des geschichtsträchtigen Innenstadtringes. Zunächst machte auch alles den Anschein, als könnte der Tag den hohen Erwartungen gerecht werden. Die Stimmung auf dem gesamten Platz war ausgelassen und auf der Bühne sprach sogar einer der damaligen Pfarrer der Nikolaikirche, Christoph Wonneberger. Von Gewalt und Hass war unter den Demonstranten nichts zu spüren. Im Gegenteil, es tat gut, in lächelnde, hoffungsvolle Gesichter zu blicken. Die Menschen, die sich versammelt hatten, stellten einen Querschnitt der Bevölkerung dar. Alle Altersgruppen waren vertreten, es gab keinen Dresscode und jeder konnte sich als der Mensch zeigen, der er ist. Selbstverständlich trug kaum jemand eine Maske. Ist diese doch gerade das Symbol für die Angst, welche die Demonstration aufzulösen versuchte. Schließlich wäre auch 1989 niemand auf die Idee gekommen, im FDJ-Hemd oder mit Parteiabzeichen gegen die SED-Diktatur zu demonstrieren.

Es dauerte nicht lange, da folgte das altbekannte Prozedere seitens der Polizei, das sie schon auf anderen Corona-Demonstrationen durchgezogen hatte. Die Abstände seien nicht groß genug, der Virus könne immer noch von einem Demoteilnehmer zum nächsten hopsen,

 » Lees verder

%d bloggers liken dit: