Hongkong: Drei Jahre und acht Monate wehte die japanische Flagge über der britischen Kronkolonie

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15-11-20 10:56:00,

Rainer Werning veröffentlichte in diesem Jahr auf den NachDenkSeiten in unregelmäßigen Abständen seine interessanten Betrachtungen „Zur Vorgeschichte, zum Verlauf und zu den Vermächtnissen des Zweiten Weltkriegs in Ost- und Südostasien”. Nun hat er als Ergänzung zu dieser Reihe einen Artikel von Ko Tim Keung[*] für unsere Leser redaktionell überarbeitet und ins Deutsche übersetzt.

Die Kronkolonie vor dem Krieg

(…) sah heute bis aufs Skelett abgemagerte junge Leute in der Nähe der Docks. Sie schleppten sich langsam in Zweierreihen vorwärts, sieben oder acht Leute pro Reihe, mit Seilen aneinandergebunden und von einem Gendarmen geführt. Keine Idee, wohin sie geführt wurden (…) Es herrschte kurz Verwirrung, als einige dieser Skelette sich auf die Essenskörbe einer Marktfrau am Straßenrand stürzten und sich hastig den Mund vollstopften. Gnadenlos die Abrechnung, sie wurden getreten und verprügelt (…) ich konnte nicht verstehen, warum diese armen Kerle auf die Welt gekommen waren, nur um Hungers zu sterben.

Tagebucheintrag von Chan Kwan-Po, Bibliothekar an der University of Hong Kong, notiert am 27. Mai 1945

Selbst bei kleinsten Vergehen wurden Leute hingerichtet, wenn sie das Pech hatten, in die Fänge der gefürchteten japanischen Militärpolizei, der Kempeitai, zu geraten. Diese brauchte keinen Grund, um Leute auf offener Straße zu exekutieren. Sie war das Gesetz, wie die Gestapo in Deutschland. Der Großvater meines Schulfreundes war Bauer. Ihn schossen die Japaner bei der Feldarbeit nieder. Ohne jeden Grund. Sie benutzten ihn einfach als lebendige Zielscheibe. Ein Großonkel von mir starb auf dieselbe Weise.

In den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, bevor Japan den Krieg gegen China entfesselte, war Hongkong nach einem Jahrhundert stetiger Entwicklung zu einem bedeutsamen Warenumschlagsplatz in Ostasien aufgestiegen. Der Handel mit dem chinesischen Festland boomte, während die Briten ihre Kolonie gleichzeitig als strategisch wichtigen Militärstützpunkt in der Region betrachteten. Dennoch hatte das Vorkriegs-Hongkong nicht annähernd die Anziehungskraft und Reputation wie das kosmopolitische, international angesehene und florierende Finanzzentrum Schanghai.

Laut der letzten Volkszählung vor dem Krieg, die 1931 durchgeführt wurde, lebten in Hongkong 840.000 Menschen, von denen etwa ein Drittel angegeben hatte, dort auch geboren zu sein. Generell war unter den Chinesen das Gefühl, zu Hongkong zu gehören, nur schwach ausgeprägt. Ihnen ging es vorrangig darum, dort Geld zu verdienen und in einer relativ sicheren Umgebung zu leben.

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