Karabach-Konflikt: Ende mit Schrecken …

karabach-konflikt:-ende-mit-schrecken-…

17-11-20 11:27:00,

Erich Gysling / 17. Nov 2020 –

… oder Schrecken ohne Ende? Ein Versuch, die hochkomplexe Gemengelage zu sezieren.

Weder in der vom Krieg zwischen Azerbaijan und Armenien direkt betroffenen Region noch bei den Regierungen und den Medien in Westeuropa (auch der Schweiz) gibt es zur Situation in Karabach eine eindeutige Einschätzung. Ist es so, wie Armeniens (Noch-) Premier Paschinjan sagt, dass er mit dem Waffenstillstandsabkommen den Tod von vielleicht hunderttausend Menschen verhindert hat – oder hat er sein Land verraten? Hat die Regierung Russlands den Konflikt ausgenutzt, um im Kaukasus die eigene Machtposition zu festigen – oder ist der Kreml gerade noch rechtzeitig aktiv geworden, um eine Tragödie gewaltigen Ausmasses zu vermeiden? Viel einfacher fällt eine Antwort in Bezug auf die Türkei aus: Erdogans Lust, sich zugunsten des Turk-Volks der Azeri mit Logistik, Waffen und Söldnern (aus Syrien) zu profilieren, ist zu offenkundig, um übersehen zu werden.

Sympathie mit Armenien, Empörung über Azerbaijan

In den Medien Westeuropas, inklusive der Schweiz, dominieren Sympathie mit Armenien, Empörung über Azerbaijan und die Türkei – und tiefes Misstrauen gegen Russland. Ich wage den Versuch, die hochkomplexe Gemengelage zu sezieren – im Wissen, dass auch ich nicht frei bin von Emotionen, die jederzeit drohen, meine Sicht zu vernebeln. Und auch, dass ich, fast schon reflexartig, spontan versucht bin, mit jener Seite zu sympathisieren, die mir mentalitätsmässig näher steht. Konkret: Armenien ist eine Demokratie; das Volk der Armenier ist Opfer des von Türken 1915/16 begangenen Genozids; Armenien hat eine bis ins 4. Jahrhundert zurückreichende christliche Tradition. Dagegen: Azerbaijan ist ein autoritär regierter Staat mit ein paar pseudodemokratischen Garnituren; die Azeri sind Muslime und uns daher «fremder» als die Armenier. Und was die Aktualität betrifft: Azerbaijan hat im Oktober angegriffen. Und jetzt flüchten zehntausende, vielleicht sogar mehr als hunderttausend Armenierinnen und Armenier.

Flüchtlinge heute und gestern

Wohin sie flüchten, ist klar: nach Armenien. Woher sie kommen, ist jedoch eine Frage des Standpunkts – teils aus der 4’400 Quadratkilometer grossen, international nie anerkannten «Republik» Nagorno Karabach auf einer Fläche etwa so gross wie die Kantone Zürich plus St. Gallen und ein Teil von Schaffhausen. Sie besteht teils aus «Pufferzonen» um Karabach herum, die Armenien in den 90er Jahren erobert hat. Diese umfassen weitere rund 7’000 Quadratkilometer, also etwa so viel wie der Kanton Graubünden. Dieses Gebiet eroberten die Armenier mit der Begründung,

 » Lees verder

%d bloggers liken dit: