Liebe macht frei

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18-11-20 12:19:00,

1966 kam ich auf eine Welt, die damals in revolutionärem Geist schwelte und sich anschickte, viele Themen weiter in die Freiheit zu entwickeln. Ich wuchs tief im Hunsrück auf, wo man noch das Schnauben der Ochsen oder Pferde zu hören meinte, die den Pflug einst mühsam zogen. Als Kind schon ärgerte ich mich über die Düngekügelchen, die auf den Feldwegen lagen, und den Glyphosatnebel, der jährlich über die Felder zog. Das Dorf hatte 40 Häuser und 40 Bauern.

Heute gibt es nur noch drei Landwirte, eigentlich nur einen richtig großen. Keine einzige Kuh, kein Schwein und nur noch eine Handvoll Hühner findet man in diesem kleinen Dorf. Das ist kein Einzelfall. Jeder hat ein Auto und fährt arbeiten in die ferne Stadt. Ich selbst studierte Philosophie und lernte endlich allerlei Nützliches und kam irgendwann zurück, um Bauer zu werden beziehungsweise eine Spezialgärtnerei zu etablieren, und das gar nicht mal mit Absicht, sondern eher aus Zufall, weil mir einfach nichts Besseres einfiel, um mich dem kontrollierten Leben der Gesellschaft und Politik zu entziehen.

Die Siebziger und Achtziger waren brutale Jahre, in denen immer wieder die Freiheit auf dem Spiel stand: Die Freiheit des Einzelnen zu entscheiden, was er machen will, was er denken will und was er fühlen will. Er, der Mensch und damit meine ich alle, einfach alle Menschen jeder Façon und jeder Couleur. Ich halte nichts davon, mich vom Männlichen trennen zu lassen, in dem ich weibliche Sprachformen nutze und mir Hirn und Maul verrenke oder schlimmer noch meinen Sprachfluss. Das fühlt sich an wie eine Spaltung der Menschen in zwei Geschlechter, allein schon durch das Miteinandersprechen. Von daher, nein ich bin keine Gärtnerin, eine Berufsbezeichnung hat keine Geschlechtertrennung. Ach doch, ich vergaß, Frauen werden immer noch in vielen Sparten schlechter bezahlt.

Wir wähnten uns frei vor dem Mauerfall. Reisten wohin wir wollten, allerdings mit Grenzkontrollen. Wir kauften, was wir wollten, und verschuldeten uns auch freiwillig. Wir konnten zwischen drei, später vier Fernsehsendern wählen, die alle Gleiches zeigten. Später kam dann noch die Arte-Gehirnwäsche dazu. Ich war Schüler und fühlte mich unfrei. Weil ich Schüler sein musste. Ich wollte aber, dass es gar keine Schule gab. In meiner Fantasie ging ich mit einem Lehrer den ganzen Tag durch den Wald und er erzählte mir was ich wissen könnte.

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