Verlierer und Sieger im Schach um Bergkarabach

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18-11-20 12:13:00,

Trotz Kriegsende geht das Leiden der Bevölkerung weiter.

Amalia van Gent / 18. Nov 2020 –

Das Waffenstillstandsabkommen hat das Morden in Karabach beendet – vorläufig. Von Frieden kann noch keine Rede sein.

Es heisst, die Russen wären im Schachspiel besonders bewandert. Schach zu gewinnen, so die Legende, liege in ihrer DNA. Beim Waffenstillstandsabkommen für Berg-Karabach am 10. November schien es kurz, als wäre dem russischen Präsidenten Wladimir Putin im geopolitischen Schachspiel um den Südkaukasus tatsächlich ein gewagter Zug gelungen: Putin konnte den Präsidenten Aserbaidschans, Ilham Alijew, am Verhandlungstisch für einen Waffenstillstand gewinnen – und dies ohne Beteiligung der Türkei, die sich mit ihrer Einmischung im Krieg auf Seiten Aserbaidschans einen Platz an dem Tisch sichern wollte und die russische Hegemonie auf dem Südkaukasus damit erstmals herausforderte. War Wladimir Putin also der unumstrittene Sieger, wie das nicht nur die deutsche Frankfurter Allgemeine Zeitung so sah?

Kein nachhaltiges Friedensabkommen

Oder handelte es sich eher um eine hastige Aktion, zu der Putin gezwungen worden war? Aserbaidschan hatte am 8. November, wohl unbeabsichtigt, einen russischen Kampfhelikopter M-24 über der armenischen Provinz Yeraskh abgeschossen. Zwei russische Piloten kamen ums Leben, ein weiterer wurde schwer verletzt. Der von der westlichen Presse wenig beachtete «Unfall» auf armenischem Territorium hätte gemäss den Sicherheitsabkommen in der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) Russland automatisch zu einem Kriegspartner auf Seite Armeniens machen müssen. Das Szenario einer russisch-türkischen militärischen Konfrontation in Südkaukasus schien plötzlich real. Der Kreml musste rasch handeln: Zwei Tage später hat Moskau den Konfliktparteien sein Abkommen zum Waffenstillstand präsentiert.

Dieses Abkommen räumt Aserbaidschan mit einem Schlag alle seine ehemaligen Provinzen rund um Berg-Karabach ein – so als hätte eine unsichtbare Hand die Uhr der Geschichte auf das Jahr vor dem ersten Karabachkrieg 1991 zurückgedreht. «Man sagt mir, Krieg könne keine Lösung von Konflikten sein», feierte Aserbaidschans Präsident Ilham Aliyew, um gleich hinzuzufügen: «Ich aber bin der Meinung, der Krieg kann die Lösung sein». Im ersten Moment schien das Moskauer Abkommen zur Waffenruhe Aserbaidschan für seinen Angriffskrieg entgegenzukommen, gar grosszügig zu belohnen.

Oder war es doch nicht der Fall? Noch sind viele Fragen im Abkommen offen.

Ungeklärter Status von Berg-Karabach

Die wichtigste davon ist etwa der ungeklärte Status von Berg-Karabach. Genau diese Frage aber hat 1991 den Konflikt um Berg-Karabach überhaupt ausgelöst.

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