Coronafrei

coronafrei

19-11-20 02:31:00,

Ich habe geweint. Heute. Gestern. Und davor vermutlich auch. Still und leise weint meine Seele seit vielen Wochen. In den vergangenen Tagen lief das Fass einfach über.

Neben aller Wut, die sich ihren Weg in Aktionismus bahnt mit der notorischen Frage: „Was kann ich noch dazu beitragen, dass sich unsere Zeit zum Guten wendet?“, zeige ich, wie viele andere auch, Ermüdungserscheinungen. Tagein, tagaus diktiert die Konfrontation mit dem C-Thema meinen Lebensalltag, meinen Blick in die Welt, stellt mich vor die Herausforderung: „Woher nehme ich die Kraft, wie komme ich wieder in die Balance, wo ist der coronabefreite Ort, an dem ich wieder die köstliche frische Luft der Einvernehmlichkeit atmen kann?

Seit vielen Jahren ist mein Steinweg Stutzflügel bei einem Klavierbauer untergestellt — geparkt, stumm wartend, wann er wohl wieder Teil meiner Lebenswelt sein wird. Im schnellen Takt der Aufgaben und nun auch einer Zeit, an deren unser ganzheitliches Überleben und das unserer Kinder hängt, verliere ich schnell aus den Augen, wie wichtig Seelennahrung ist.

Zwar leben wir umringt von Natur, wofür wir bereits besonders dankbar sein dürfen, doch ich schaffe es kaum, mir zu erlauben, mich aus dem Korsett der Pflichten und dem strammen Verantwortungsbewusstsein zu entlassen. So sitze ich viel und schreibe, lese dann doch wieder die Hiobsbotschaften, höre mich all das kommentieren, rufe mich mit wenigen Wegbegleitern zusammen, um den Ringschluss auf gleicher Wellenlänge zu pflegen.

Gespräche mit echten Weggefährten zu führen, ist nahezu lebensnotwendig geworden. Weniger um sich gegenseitig vom Neuesten zu berichten oder sich gar darüber zu ereifern, nein im Gegenteil: Es geht uns vor allem darum, auf uns zu achten. Wir spüren, wie schnell das Innere aus dem Gleichklang gerät, wie Unrast, Verzweiflung, Trauer fast zur Lähmung der persönlichen Sorgfaltspflicht führen. Wir passen aufeinander auf. Wir helfen unserem Gefährten, wenn zu viel Zerstörerisches Besitz von ihm ergreift. Wir sind Helfershelfer.

Wir erinnern uns daran, dass wir gerade jetzt nicht ebenfalls zu Maschinen mutieren dürfen, sondern dass das höchste zu erhaltende Gut unsere Seele ist — etwas, was Narzissten für unbedeutend halten, zugleich aber auch für etwas, was es zu erfassen und unter Kontrolle zu bringen gilt. „Das narzisstische Spektakel, welches sich vor unseren Augen in unglaublichen Dimensionen ausrollt, frisst unsere Seele.“

Tränen rollten über meine Wangen, als ich diesen Satz in mir hörte,

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