Cogito, ergo: dumm

cogito,-ergo:-dumm

21-11-20 10:46:00,

Der kardinale Irrtum der Moderne ist die über weite Strecken unbewusste Identifikation des Menschen mit seinem Verstand, dem Denken, der Ratio, der kleinen ewig ratternden Stimme im Kopf. In Stein gemeißelt hat diese Haltung Gestalt angenommen in den Worten von René Descartes: Ich denke, also bin ich. Oder besser noch: Cogito, ergo sum, denn wer will da schon widersprechen, wenn eine Weltweisheit auf Latein daherkommt. Descartes‘ Argumentation in all ihrer Schlichtheit war etwa so: Selbst wenn man alles anzweifelt, die Wirklichkeit der Welt, die eigenen Wahrnehmungen, ja sogar das Denken selbst, so könne man doch nicht daran zweifeln, dass man zweifelt. Von daher: Ich denke, also bin ich!

Der Irrtum über Eisen im Spinat hielt sich fast fünfzig Jahre, die Descartes’schen Identitätskoordinaten verherrlichen wir nun schon Jahrhunderte, und sie werden dadurch doch nicht richtiger. Der Irrtum, die banale Pointe liegt darin, dass Zweifeln streng genommen eben kein reines Denken mehr ist. Denn der Zweifel im eigentlichen Sinne entsteht schließlich erst oder gerade da, wo das Denken sich an einer anderen Ebene bricht, etwa den Gefühlen oder der Welt der sinnlichen Erfahrungen. Jedoch — ähnlich einer Schnecke, die sich in ihr Haus verkriecht — zog sich Descartes — und mit ihm die akademische Welt an sich — in die Domäne des puren begrifflichen Denkens zurück.

Ja, mit der Verankerung des Seins im Denken hat der französische Philosoph im Grunde jenen ominösen festen Punkt markiert, mit dem sich sprichwörtlich die Welt aus den Angeln heben lässt. Der Vorteil dieses ontologischen Kopfstands liegt auf der Hand: Der so begründete Rationalismus kann beziehungsweise soll ja sogar stets nur den subjektiv völlig ungefärbten kleinsten gemeinsamen Nenner hervorbringen, auf dass die Forscher zukünftiger Generationen auf alle Tage friedlich in ihrer Cafeteria sitzen können, ohne je in einen wirklich grundlegenden Konflikt zu geraten. Der moderne wissenschaftliche Betrieb war so geboren. Heile Welt am Arbeitsplatz: So treibt man gerne sanft dem wohlverdienten Ruhestand entgegen.

Die abstrakte Naturwissenschaft brachte alsbald allerlei erstaunliche Erkenntnisse hervor über die Welt im Großen wie im Kleinen und in der Welt der Technik natürlich im Besonderen. Standen wir mit Descartes seinerzeit am Abgrund zur Moderne, so sind wir heute natürlich längst einen riesigen Schritt weiter. Und selbst wenn das veranschlagte Ziel — die Welt aus den Angeln zu heben — bis dato noch nicht vollständig erreicht ist,

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