Die phobische Gesellschaft

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21-11-20 10:47:00,

Der Mann im Supermarkt ist ganz in schwarzes Plastik gehüllt, befestigt mit Streifen aus durchsichtiger Folie. Auch Kopf und Haare sind ganz mit Folie bedeckt. Zusätzlich trägt er neben der mittlerweile üblichen „Corona-Maske“ Handschuhe und Brille. Nur kleine Teile seines Gesichts bleiben unbedeckt. Ein Blick in seinen Einkaufswagen deutet auf einen Hamsterkauf hin.

Ein anderer Mann steht an der Kasse, einen olivgrünen Umhang um den Körper geschlungen, im Gesicht eine Gasmaske, die offenbar aus dem österreichischen Bundesheer stammt. Auf einem anderen Foto eine Frau, die eine hellrosa Folie nicht nur über ihren gesamten Körper, sondern auch über den vollen Einkaufswagen gebreitet hat.

Der Wiener Psychiater Raphael Bonelli, bekannt für seine scharfzüngigen kleinen Video-Ansprachen „zwischen zwei Patienten“, zeigt in seinem Clip Sicher ist Sicher — macht uns die Angst vor Corona langsam verrückt? Fotos von ganzkörperverhüllten Zeitgenossen in Corona-Zeiten. Seine Antwort auf die im Titel gestellte Frage ist kurz: Ja. Viele Menschen zeigen derzeit Anzeichen pathologischer Überängstlichkeit.

Was wir auf den erschütternden Bildern sehen, ist nur die Steigerungsform dessen, was wir tagtäglich in den Geschäften und anderen öffentlichen Räumen, vielfach sogar schon unter freiem Himmel beobachten können. Die Ganzkörper-Plastikbedeckung ist nur die Steigerungsform der „Alltagsmaske“, die uns Politiker und Medien derzeit mit beispielloser Penetranz aufdrängen. Die Absurdität von gestern ist zur Normalität von heute geworden. Werden die Supermarkt-Aliens die Normalität von morgen sein?

Es ist Bonelli hoch anzurechnen, dass er sich nicht auf Kosten der Extrem-Verpackungskünstler lustig macht. „Mir ist nicht zum Lachen zumute. Ich habe solche Patienten“, sagt er. Und: „Wenn Sie ein bisschen psychiatrische Erfahrung haben, dann kennen Sie solche Bilder von Schizophrenen.“ Eine weitere Person auf einem Foto trägt eine Art Taucheranzug mit Unterwasserbrille. Bonelli erinnert er an „einen Patienten, der zu Beginn der Maßnahmen noch überlegt hat, ob er mit einem Motorradhelm einkaufen soll.“ Der Mann verhielt sich danach so panisch, dass er für sechs Wochen stationär eingeliefert werden musste.

Wie ist dieses sonderbare Verhalten einer Minderheit von Zeitgenossen zu erklären? Raphael Bonelli glaubt bei der ganzen Corona-Geschichte nicht an eine große Verschwörung; vielmehr an eine „Kaskade der Angst“. Der Begriff ist gut gewählt — das Wasser der Angst läuft gleichsam aus den oberen Becken über und ergießt sich in darunter liegende Vertiefungen — und immer so weiter. Man kann auch sagen: Angst geht in diesen Tagen viral.

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