Die Luftnummer

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15-12-20 02:16:00,

Stellen Sie sich einmal eine Zitrone vor — eine schöne, reife, knallgelbe Zitrone. In Ihrer Vorstellung nehmen Sie sich ein Messer und schneiden diese Zitrone auf. Saft rinnt ihnen über die Finger und in Ihrem Mund zieht sich der Gaumen zusammen. Letzteres, da bin ich mir sicher, müssen Sie sich gar nicht vorstellen. Es geschieht automatisch, von ganz alleine. Unvermittelt reagiert der Körper auf das Bild.

Denjenigen, die Zitronen gegenüber unempfindlich sind, biete ich den Gedanken an ein Stück Kreide an, das quietschend über eine Tafel gezogen wird; eine Nadel, die sich in den Finger bohrt; oder Styropor, der knisternd aneinander gerieben wird. Nichts von alledem geschieht gerade wirklich. Doch unser Körper hat bei dem bloßen Gedanken an diese banalen Vorgänge eine Reaktion parat. Das liegt daran, dass unser Gehirn keinen Unterschied macht zwischen einer tatsächlichen Situation und einer Idee.

Es werden exakt die gleichen Hirnareale aktiviert, wenn wir in einen Apfel beißen oder wir uns nur vorstellen, in einen Apfel zu beißen. So kommt es, dass uns beim bloßen Gedanken an einen Streit die Galle hochkommt oder wir bei einer romantischen Filmszene Rotz und Wasser heulen, obwohl sich die Schauspieler sicher nicht lieben. Unsere Vorstellung hat die Kraft, Berge zu versetzen. Tatsächlich hören wir von Müttern, die mit übermenschlicher Kraft das Auto anheben, unter das ihr Kind geraten ist, und von Menschen, die über glühende Kohlen gehen, ohne sich auch nur ein klitzekleines Brandbläschen dabei zu holen.

Tatsächlich entscheidet unsere Vorstellung über Leben und Tod, wie in der Geschichte von dem Mann im Kühlwaggon. Als letzter auf dem Güterbahnhof kontrolliert er am Abend, ob alles in Ordnung ist. Dabei gerät er in einen Wagen, in dem Gefriergut transportiert wird. Die Tür fällt zu — von innen. Ihm ist bewusst: Bis zum nächsten Morgen wird ihn niemand finden. Er weiß: Er wird erfrieren. Am Morgen ist er tot. Erfroren. Was er nicht wusste: Der Wagen war nicht gekühlt. In ihm herrschte eine normale Temperatur. Seine Vorstellung hatte ganze Arbeit geleistet.

Medizinisch wird die Fähigkeit, über die Vorstellung körperliche Prozesse zu steuern, bei Operationen und Geburten eingesetzt. Mittels Hypnose und Meditation können etwa Blutflüsse und Schmerzen gestillt werden. Das ist kein Hokuspokus, sondern Biologie. Jeder von uns kann das. Im autogenen Training werden Arme und Beine wunderbar schwer und warm, und in der Meditation können wir die Frequenz unseres Herzschlages beeinflussen.

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