Die aufgebauschte Welle

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16-12-20 03:52:00,

Die Politik orientiert sich bei ihren Lockdown-Maßnahmen offiziell vor allem an den „Neuinfektionen“, das heißt an der Zahl der an einem Tag gemeldeten positiven Coronatests. Obwohl bis zu viermal so viel Tests pro Woche wie im Juni durchgeführt werden, halten die Regierungen von Bund und Länder immer noch am Grenzwert von 50 positiven Tests pro Woche und pro 100.000 Einwohner — der sogenannten „7-Tage-Inzidenz“ — fest, der bereits im Frühjahr willkürlich gewählt worden war. Hätte man sie wenigstens an die aktuelle Teststrategie und -häufigkeit angepasst, zum Beispiel wie von der Kassenärztlichen Vereinigung vorgeschlagen auf 136 pro 100.000, wäre uns schon viel Aufregung erspart geblieben.

Die verwendeten „Infektionszahlen“ sind jedoch generell als Kennzahlen für so weitreichende Entscheidungen völlig ungeeignet, da sie weder valide noch zuverlässig sind. Sie hängen sehr stark vom Testvorgehen ab und geben nur einen Bruchteil aller Infizierten an. Die tatsächliche Zahl bleibt ‒ aufgrund der hohen Dunkelziffer unter der nicht getesteten Bevölkerung ‒ jeweils eine Unbekannte. Überträgt man das Ergebnis des Massentests in der Slowakei auf Deutschland, so wäre die Dunkelziffer sechsmal so hoch wie die gemeldeten Zahlen (1).

Wesentlich aussagekräftiger sind die Zahlen derer, die auf Intensivstationen (ITS) behandelt werden müssen. Da auch diese mittlerweile stark steigen, werden zunehmend auch sie genutzt, um zu demonstrieren, wie dramatisch die „zweite Welle“ sei und wie gerechtfertigt die ergriffenen Maßnahmen. Allerdings war zu erwarten gewesen, dass mit dem Herbstbeginn die Coronainfektionen, wie andere Atemwegserkrankungen auch, zunehmen würden.

Schaut man auf die Entwicklung der Intensivbettenbelegung seit dem Sommer, so ist noch keine große „Coronawelle“ zu sehen. Dasselbe gilt auch für den Anstieg von Sterbefällen, wenn man deren Zahl mit dem herbstlichen Trend der vergangenen Jahre vergleicht. Auch die britische nationale Statistikbehörde sieht mit Blick auf die Zahl der Sterbefälle in ihrem Land trotz höherer Infektionsraten keine Anzeichen für eine „zweite Welle“.

Dies bedeutet keineswegs, dass das neuartige Virus und die von ihm ausgelöste, Covid-19 genannte Erkrankung harmlos wären. Grundlegende Maßnahmen wie Einhaltung von Hygieneregeln, Selbstisolierung bei Erkrankung, Verzicht auf Großveranstaltungen, die im Frühjahr schon den Anstieg stoppten (2), bleiben sicherlich notwendig. Strengere Maßnahmen sind mit den vorliegenden Daten aber nicht zu begründen und auf jeden Fall nicht verhältnismäßig. Ohnehin plädieren viele Fachleute — allen voran Praktiker des Gesundheitswesens — dafür, mehr den Schutz der Risikogruppen in den Fokus zu nehmen (3).

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