Die Show des Jahrhunderts

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17-12-20 03:33:00,

„Die einzige Art, gegen die Pest zu kämpfen, ist die Ehrlichkeit“ (Albert Camus).

Während sich am Freitag, 13. März 2020, die Welt langsam auf den Kopf drehte, hielt ich mich an einem abgeschiedenen Ort in der Provinz Almería auf: im Seminarhaus Cortijo el Saltador meiner Freundin Claudia, das sich in der Sierra Alhamilla am Rand einer einzigartigen Wüstenlandschaft befindet. Angereist war ich, weil ich einen Artikel über die Theatergruppe Antagon aus Frankfurt schreiben wollte, die nach ihrem 13-tägigen Workshop „Hambre y vida“ (Hunger und Leben) zu ihrer Abschluss-Show eingeladen hatte.

Die Nachrichten über den sich anbahnenden Alarmzustand und die Absagen von Freunden aus anderen Ecken Spaniens waren nur langsam durchgesickert, denn das Cortijo el Saltador bietet seinen Gästen einen ganz außergewöhnlichen Luxus: das Funkloch. Wer telefonieren oder sich in Sozialen Netzwerken austauschen will, muss auf einen Hügel kraxeln. Dennoch wurde darüber nachgedacht, die Veranstaltung ausfallen zu lassen, aber schließlich entschied Bernhard Bub, Gründer von Antagon, die Show durchzuziehen — da sie im freien Gelände stattfinden und allen die Möglichkeit zum Abstandhalten geben würde. Auf das anschließende gemeinsame Essen und die After-Party am Lagerfeuer wurde jedoch verzichtet.

Die etwa 30 Besucher, die sich trotz des Virusalarms am Nachmittag im Cortijo einfanden, kamen deshalb in den Genuss einer sehr intimen Privatvorstellung, bei der die Antagons, die sich als Theater der Neuzeit und zugleich als Spurensucher vergessener traditioneller Theaterwurzeln verstehen, wie immer aktuelle Themen und die großen Fragen des Lebens aufgriffen: Wo komme ich her, wo geht es hin, was ist mit der Liebe, was mit dem Krieg, was mit den Ängsten und Wünschen oder dem Arm-Reich-Gefälle auf der Welt und dessen Folgen?

Alles, was die Theaterleute in ihrem Workshop-Laboratorium ausgebrütet hatten, war ungemein zeitgemäß. Einige Szenen wirkten gar so, als hätten sich die Darsteller speziell auf das kurz darauf von Politikern und deren wissenschaftlichen Beratern zum „Killervirus“ hochstilisierte Coronavirus vorbereitet. Denn auch gespenstisch vermummte Gestalten mit grünen Schutzanzügen und Gasmasken schlichen durchs Gelände. Dass der Anblick von Menschen mit Atemschutzmasken und Gummihandschuhen nur wenige Tage später in Spanien und dem Rest der Welt zum Alltagsleben gehören sollte, hätte wohl trotzdem niemand erwartet.

Am Tag nach der Show bauten die Theaterleute ihre Zelte ab, um am Abend ihre Rückreise nach Frankfurt zu starten. Bernhard und seine Truppe waren besorgt,

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