Bullshit ist schlimmer als Lüge | KenFM.de

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18-12-20 07:56:00,

Von Pieter Stuurman (Übersetzt aus dem Niederländischen von Margreet Booij,
gekürzt und für das deutsche Lesepublikum „angepasst“ von Ullrich Mies).

1986 schrieb Harry G. Frankfurt, Professor für Philosophie an der Princeton University, einen Aufsatz über den Begriff „bullshit“. Dieser wurde in akademischen Kreisen ein Riesenerfolg und im Jahr 2005 als handliches Büchlein veröffentlicht, das satte 27 Wochen in der Bestsellerliste der New York Times stand. Um feststellen zu können, was bullshit wirklich ist, untersucht Frankfurt, wie sich bullshit von Lügen unterscheidet. Obwohl er sagt, dass sowohl mit Lügen als auch mit bullshit Zuhörer oder Leser absichtlich in die Irre geführt werden sollen, hat der bullshitter andere Motive und benutzt andere Methoden als der Lügner.

Der wesentliche Unterschied zwischen Lügner und bullshitter ist, dass ein Lügner lügt, um eine Wahrheit zu vertuschen, indem er absichtlich falsche Informationen verbreitet. Der Lügner kennt also die Wahrheit. Bullshit hingegen hat keinerlei Verbindung zur Wahrheit. Der bullshitter lässt sich durch Wahrheit auch nicht beschränken. Ein bullshitter hat das Ziel, sich selbst besser oder andere schlecht dastehen zu lassen oder gar zu diskreditieren. Im Gegensatz zur Lüge geht es beim bullshit nicht um Inhalte, sondern um deren Wirkung. Bullshit saugt sich der Verbreiter völlig aus den sprichwörtlichen Fingern und setzt ihn ein, wie es ihm am Besten passt.

Eine Lüge kann durch die Wahrheit widerlegt werden. Da die Behauptungen des bullshitters jedoch keine einzige Verbindung zur Wahrheit haben, ist das Widerlegen von bullshit weit schwieriger. Laut Frankfurt ist bullshit deswegen ein größerer Feind der Wahrheit ist als die Lüge.

Nach Frankfurt kann man bullshit auch am Verhalten und nicht nur an Behauptungen und Äußerungen erkennen. Bullshit drückt sich zum Beispiel in gewissen Ritualen, Handlungen und Gewohnheiten aus, die in keinerlei Hinsicht zu den behaupteten Absichten beitragen. Als Beispiel nennt er die Armee: Das endlose Aufpolieren von Sachen, die schon längst glänzen, oder das endlose „Gewehr bei Fuß stehen“. Sie tragen zum Ziel der Armee und der Verteidigung eines Landes nichts bei. Es ist bullshit-Benehmen auf der Grundlage von bullshit-Befehlen.

Als Frankfurt seinen Aufsatz schrieb, konnte er nicht ahnen können, dass wir in eine Situation geraten würden,

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