Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire … • Anthroblog

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18-12-20 02:13:00,

Friedrich Schiller sammelte in seinem kurzen Leben genügend Erfahrungen mit den Zumutungen einer übergriffigen Staatsmacht. Wenn er den Marquis Posa seiner Imagination zu König Philipp sagen ließ: »Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire …«, spiegelte sich in diesem Satz nicht nur eine Grundforderung des Jahrhunderts der Aufklärung, ja der Neuzeit, sondern auch seine persönliche Lebensgeschichte.

Geben Sie Gedankenfreiheit

Don Carlos

Nach Rudolf Steiner könnte man das »Zeitalter der Bewusstseinsseele« als Zeitalter der individuellen Menschenfreiheit bezeichnen. Die Sehnsucht nach ihr zeigt sich nicht nur in der religiösen Bewegung der Reformation, die die Beziehung des Menschen zu Gott in sein Inneres verlegte, sondern auch in zahlreichen politische Entwicklungen, die anfangs ebenfalls meist religiös motiviert waren. Sie zeigt sich auch im Kampf der Wissenschaften gegen die Zensur der Kirche, die die Freiheit von Forschung und Lehre, die Freiheit des Denkens erkämpften. Galilei wurde mit dem ihm zugeschriebenen Satz »Eppur si muove«, der eine damals noch exotische Minderheitenmeinung gegen die herrschende Doktrin der Zeit zum Ausdruck brachte, zu einer Ikone der Neuzeit. Dass diese Bewegungen später häufig ins Gegenteil, in neuen Zwang und neue Unterdrückung umschlugen, ist eine andere Geschichte.

Schiller musste sich der angedrohten Festungshaft und der Vernichtung seiner dichterischen Existenz durch ein Schreibverbot entziehen, indem er nächtens aus Württemberg flüchtete und ins Exil ging. In Thüringen fand er schließlich Unterschlupf bei Henriette von Wolzogen, wo er sich und seine Gastgeberin mit dem Pseudonym »Dr. Ritter« vor Nachstellungen schützte. Hier vollendete er, unterstützt von großzügigen Mitverschwörern, seine Luise Millerin (Kabale und Liebe) und begann am Don Karlos zu schreiben.

Was den fahnenflüchtigen Regimentsarzt damals rettete, war die vielgescholtene Kleinstaaterei, der Pluralismus inmitten eines mehr oder weniger einheitlichen Kulturgebiets. Heute hätte es Schiller schwerer, sich als Dissident den Nachstellungen des Staates zu entziehen. Zwar gibt es auch heute noch so etwas wie eine föderalistische Länderhoheit in Sachen Kultur, aber die Länder sind anderweitig gleichgeschaltet, und Unterdrückung geht längst nicht mehr nur von der Staatsmacht, sondern von den Trägern der Kultur selbst aus, die sich in mehr oder weniger großer Abhängigkeit vom Staat befinden – der bekanntlich »wir« sind.

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