Fürchtet euch!

furchtet-euch!

19-12-20 02:32:00,

Die Adventszeit ist eigentlich eine Zeit der Vorbereitung auf das Fest. Immer wieder gerne werden Kerzenschein und Plätzchenduft erwähnt, raschelndes Geschenkpapier und Weihnachtslieder auf der Blockflöte.

Jedes Jahr wieder träumen wir von der idealen Familienweihnacht im Kreise der Lieben. Strahlende Kinderaugen, wohliges Seufzen der Alten und ein allseits wärmendes Gefühl der Gemeinschaft: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Eine gefürchtete Alte geht um und verdirbt uns das Fest. Sie wirft uns vor, zu viel zu feiern, geradezu zügellos in unserer Genusssucht zu sein. Wir seien zu leichtsinnig, dem Alkohol verfallen und stets auf Vergnügen aus. Wir suchten die Gemeinschaft, das Familienglück und die Liebe, statt uns ganz auf sie zu konzentrieren. Wir würden uns nicht an ihre Regeln halten. Sie vermisst bei uns Dankbarkeit. Dafür droht sie mit Strafen. Weihnachten muss ausfallen, die Weihnachtsmärkte sowieso, Geschenke-Shoppen auch.

Die Alte drängt sich ungebeten in unsere Häuser. Sie erscheint nächtens in unseren Wohnzimmern, ohne dass wir ihr die Tür geöffnet hätten. Sie schimpft und droht, sie maßregelt und verbietet. Begleitet wird sie von einer Schar ungehobelter Gesellen, die mit der Peitsche knallen und sich darin überbieten, die angekündigten Strafen durchzusetzen.

Dabei schien die Wilde Bertha eigentlich schon fast vergessen. Nur in wenigen ländlichen Gebieten hat sie über die beiden Weltkriege hinaus als Brauchtumsfigur überlebt, ohne dass man so recht etwas mit ihr anzufangen weiß oder gar eine Ahnung von ihrer einstigen Bedeutung hätte.

Wer von der Wilden Bertha noch nie etwas gehört hat, kennt sie vielleicht unter dem Namen Frau Holle (Hessen/Thüringen), Tante Arie (Frankreich), Baba Yaga (Russland), Percht (Alpenraum) oder Befana (Italien). Luther beschrieb sie als die „Alte mit der Potznase“. Bei Tacitus wird eine germanische Göttin Nerthus erwähnt, eine Verkörperung der Mutter Erde, die ihr ähnelt.

Die Wilde Bertha tritt in den dunkelsten Winternächten auf. Sie fliegt im Sturmesbrausen durch die Luft und dringt in die Häuser ein. Sie kontrolliert, ob nach ihren Regeln ordentlich gewirtschaftet wurde. Wo sie Unordnung vorfindet, Schmutz und Chaos, straft sie unbarmherzig. Die Brutalität ihrer Strafen ist Zeichen göttlichen Zorns, denn ihre Macht ist unbeschränkt und sprengt das menschliche Maß. Die Wilde Bertha bestimmt über Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit und kann alle Naturgesetze außer Kraft setzen.

Damit kommen wir zur Wurzel dieses Mythos, der in ganz Europa bekannt war.

 » Lees verder

%d bloggers liken dit: