Die zauberhafte Revolution freier Kinder in Erdenreich – ein Weihnachtsmärchen | KenFM.de

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22-12-20 05:28:00,

Von Dirk C. Fleck.

Everrich, Neurowissenschaftler im Dienste der Regierung von ERDENREICH, leitete ein Versuchsprojekt, das der Bevölkerung ein attraktives Vergnügen bieten sollte. Auf einer für den Versuch eigens angelegten FARM wuchsen Kinder unter Bedingungen auf, wie man sie auf der Erde vor ungefähr zweihundert Jahren vorgefunden hatte. Tausend Neugeborene konfiszierte der Staat für das Experiment. Man beabsichtigte, die unter natürlichen Bedingungen aufgewachsenen „Wilden“ später in sogenannten Naturparks zur Schau zu stellen. Da die Tiere längst ausgestorben waren, glaubte man auf diese Weise, die beliebte Zoo-Tradition fortführen zu können.

Hundert dieser Kinder aber sollten nicht in Zoos ausgestellt, sondern ins reale Leben überführt werden. Auf diese Weise wollte man erforschen, ob sich Menschen, die keinen Chip unter der Haut trugen, in der modernen Gesellschaft noch behaupten konnten. Everrich hingegen hegte die Hoffnung, dass die ihm anvertrauten Kinder den erkalteten Herzen seiner Zeitgenossen dort draußen wieder etwas Leben einhauchen würden. Für ihn waren sie wie ein positives Virus, das man inmitten einer kranken manipulierten Gesellschaft frei setzte.

Die Kinder selbst ahnten nichts von den Absichten des Staates, sie fühlten sich wohl auf der FARM, wo man sie in der Kunst des Lesers und des Schreibens unterrichtete, wo man kooperierte und ihnen eine Vorstellung von einer friedlichen Gemeinschaft vermittelte. Sie spielten gerne, eigentlich war ihnen alles Spiel. Mit Ausnahme der Vollmondnächte, in denen sie sich auf der Lichtung im Wald versammelten. Dort lauschten sie dann fasziniert den Vorträgen Everrichs, der ihnen von längst vergangenen Zeiten berichtete. Er erzählte vom Gesang der Wale und von ihrem Massenselbstmord, als ihre Konzerte vom Lärm der Schiffsschrauben erstickt und ihr Konzertsaal, das Meer, in eine Müllkippe verwandelt wurde. Er erzählte vom Überlebenskampf der Bäume, Flüsse und Berge, vom Untergang indigener Völker, von den Giftwolken, die ganze Landstriche in Todeszonen verwandelten. Er berichtete aber auch von den Künsten, von der Musik, der Malerei und der Literatur, an die sich kaum noch jemand erinnerte.

Nach seinen Vorträgen bestürmten ihn die Kinder mit Fragen, die er jedesmal geduldig beantwortete. Und immer stand ein Junge ganz nah bei ihm, dessen melancholischer Blick ihn rührte. Bei dem Gedanken, ihn und seine Freunde in die „Freiheit“ entlassen zu müssen, war Everrich nicht wohl ums Herz.

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