Eine Frage des Glaubens

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22-12-20 05:09:00,

Sie sind da, die kürzesten Tage des Jahres. Das Sonnenlicht macht sich rar und dringt nur selten in unsere verschlossenen Häuser und Wohnungen. Viele bereiten sich darauf vor, alleine die Feiertage zu verbringen. Niemals in unserer Geschichte wurden wir per Dekret davon abgehalten, Weihnachten und Silvester mit unseren Lieben zu verbringen. Kein Krieg, keine Katastrophe hat uns das bisher beschert. Immer haben wir den Weg zueinander gefunden. Meilenweit sind wir zu Fuß durch Schneetreiben gelaufen, um in die heimische Stube zu gelangen, zu den Menschen, die wir lieben. Heute denken wir an die Gefahr, die vor allem Familien füreinander sein sollen. Gefühle werden hintenangestellt. Bis tief in unsere Herzen hinein wird der spaltende Keil getrieben. Was zählt ist, dass die Zahlen ansteigen könnten und die Betten nicht reichen.

Viele Menschen werden unter sich bleiben. Diejenigen, die dennoch Bewohner anderer Haushalte an ihren Tisch einladen, bleiben auf Abstand, manche tragen Maske zwischen den Gängen. Keine Umarmungen gibt es in diesem Jahr, keine Küsse unterm Mistelzweig, kein unbeschwertes Lachen unterm Weihnachtsbaum, keine gemeinsam gesungenen Lieder. Es könnte dem Munde ja ein Virus entfleuchen. Keine Magie also. Kein Wunder. In unseren Köpfen und Herzen haben sich Berechnungen breitgemacht, Eventualitäten, Dinge, die geschehen könnten, wenn wir nicht aufpassen und folgsam sind. Nicht der liebe gute Weihnachtsmann steht in der Tür mit seinem gütigen Lächeln, sondern der wilde Knecht Ruprecht mit seiner Rute, der die unartigen Kinder straft.

Immer noch nicht genug gehorcht haben wir, nicht genug haben wir uns eingeschränkt, nicht genug gedemütigt wurden wir, nicht genug gemaßregelt.

Nun ist es also soweit und man verbietet uns das, was uns am meisten Freude macht: gemeinsam essen, gemeinsam singen, gemeinsam feiern. Die Stille Nacht wird wahrhaftig zur stillsten des Jahres. Nicht die Geburt des Kindes wird in ihrem Zentrum stehen, sondern der Tod der einsamen und alten Menschen. Die Weihnachtsplätzchen schmecken bitter in diesem Jahr, und die Geschenke tragen den Stempel der Versandunternehmen, über die sie ins Haus gekommen sind. Wir werden über skype, whatsapp und zoom auf die freudige Botschaft anstoßen.

In diesem Jahr glauben wir nicht an das menschgewordene Licht, sondern an das, was über unsere Bildschirme flimmert und was wir in unseren Zeitungen lesen. Wird schon stimmen. Natürlich wissen wir es nicht. Wer könnte von sich behaupten, dass es sich ganz sicher so verhält,

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