Verzerrte Proportionen

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22-12-20 03:42:00,

Medienkritik zum Corona-Journalismus – Teil 5

Bei allem Bemühen um Vollständigkeit (siehe Teil 3: Halbe Wahrheiten sind keine), muss Journalismus immer selektieren. Sowohl bei Themen für Beiträge, als auch bei deren Inhalten ist eine deutliche Reduktion gegenüber Vielfalt und Komplexität der Welt notwendig. Wenn die Qualität von Journalismus in seiner Orientierungsleistung liegen soll, dann darf die Auswahl von Themen, Gesichtspunkten, Meinungen und Protagonisten natürlich nicht willkürlich sein.

Mit dem Bemühen um “Repräsentativität” soll Zufälligkeit auf der einen und (parteilicher) Einseitigkeit auf der anderen Seite entgegengewirkt werden. Dabei sind hier wie bei zahlreichen anderen Qualitätskriterien drei Ebenen zu entscheiden: der einzelne journalistische Beitrag (Artikel, Film etc.), das journalistische Medium (Tageszeitung, Sender, Webangebot) und die Medienlandschaft insgesamt (bzw. die für einzelne Menschen real verfügbaren, quasi ihr mediales Ökosystem). Da sich Aussagen zu den Ebenen über dem einzelnen Beitrag nur mit quantitativer Forschung treffen lassen, soll es hier wie in der gesamten Serie vor allem um journalistische Einzelleistungen gehen (denen bei den heutigen Rezipientengewohnheiten wohl auch die größte Bedeutung zukommt). Für den einzelnen Beitrag betrifft das Qualitätskriterium Repräsentativität einerseits das Thema, andererseits dessen Aufarbeitung, also die einzelnen Aussagen dazu.

Auch wenn journalistische Repräsentativität gelegentlich als “Realitätsabbild” übersetzt wird, müssen die Medien natürlich nicht “die Welt, so wie sie ist” abbilden – das wäre reichlich langweilig und würde gerade nicht zur Orientierung beitragen, weil sehr viel Belangloses neben Wichtigem stünde. Repräsentativität bezieht sich auf die jeweils vom Journalismus für relevant gehaltenen Themen, also meist Ereignisse und Probleme.

Dabei sorgt der Journalismus allerdings für eine schon lange bekannte Verzerrung, weil er Nachrichten nicht nach ihrem Orientierungswert für die Kunden, sondern nach ihrem Vermarktungswert auswählt. Während bspw. die Gefahr für Frauen, von ihrem (Ex-) Partner getötet zu werden, ungleich höher ist als die, Opfer einer Amokfahrt zu werden, wird über die erste Situation überregional äußerst selten berichtet (abgesehen von summarischen Beschreibungen), über die zweite hingegen immer, bis hin zur belanglosen Schlagzeile “Merkel zeigt sich traurig über Tat von Trier”

Themenauswahl

Unzählige Berichte und Reportagen von der Behandlung an Covid-19 Erkrankter verzerren die Realität, weil sie keine Einordnung zur Repräsentativität leisten. Ausgewählte Einzelschicksale sind nicht repräsentativ für Covid-19, eine überlastete Intensivstation ist nicht repräsentativ für die Intensivstationen des Landes.

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