Die Rettung des Kindes

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24-12-20 09:07:00,

Auf eine tiefsinnige Erzählung Edzard Schapers* aus den Vorweihnachtstagen des finnisch-sowjetischen Kriegsjahres 1941 soll hier in verdichtender Nacherzählung eingegangen werden. Das Besondere, tief Berührende dieser wohl wahren Begebenheit liegt darin, dass die harten physischen Erlebnisse einer finnischen Patrouille, die mit der Rettung eines kleinen Kindes verbunden sind, immer mehr von einem parallel verlaufenden seelischen Geschehen begleitet werden, das in einer wundersamen gemeinsamen Weihnachtsfeier mit dem Kinde gipfelt. Und diese eröffnet unausgesprochen die Ahnung eines tieferen geistigen Zusammenhanges, der auf geheimnisvolle Weise zwischen ihnen und dem Kinde spielt.

Sieben Mann aus einer finnischen Jägerbrigade hatten den Auftrag erhalten, durch die dünn besetzte russische Front vorzudringen, um zu erkunden, ob sich die Hauptmacht des Feindes in den gleich Inseln im Wäldermeer Ostkarelien verstreuten Einöddörfern festgesetzt oder weiter zurückgezogen hatte. Auf Schneeschuhen und getarnt mit Schneehemden waren sie drei Tage tief in die Wälder vorgedrungen und hatten bislang keinerlei Anstalten des Feindes zu mehr als nur schwach hinhaltender Verteidigung feststellen können. In keinem der einsamen Gehöfte waren ihnen – im Fernglas aus vorsichtiger Entfernung – die geringsten menschlichen Bewegungen vor die Augen gekommen.

In der ungeheuerlichen Stille, die den fortwährend gespannten Ohren der sieben Männer allmählich zu tönen begann und in der schon das leise Geräusch der Erleichterung, mit dem ein Zweig unter der abgleitenden Schneelast emporschnellte, wie das Getöse einer Lawine anmutete, hatte die Patrouille kurz vor Einbruch der Nacht das erste größere Dorf, Kangasjärvi, erreicht. Auch hier verharrten sie geraume Zeit im Schutz der Bäume und unterzogen die Waldlichtung mit dem darin liegenden Dorf einer argwöhnischen Beobachtung. Als sich schon dichte Dämmerung ausgebreitet hatte, näherte sich die Patrouille, um im Dorf selbst aufzuklären, weit auseinandergezogen und in äußerst vorsichtigem, zögernden Anmarsch einer Scheune, die in einer Bodenwelle vor Einsicht vom Dorfe her geschützt lag.
Eine lange, zögernde, weiche Winterdämmerung, in der schon ein paar Sterne aufglommen, vereinigte Himmel und Erde für eine Weile, ehe das strenge Dunkel hereinbrach. Die anhaltende Stille aber war, nachdem die Spannung gewichen war, so erregend, dass die sieben trotz der Gefahr nicht ohne Befriedigung laute Anzeichen von der Nähe des Feindes hingenommen hätten. Leutnant Heiskanen schlug vor, die Häuser näher in Augenschein zu nehmen, die Dämmerung begünstige das Anschleichen in lockeren Gruppen von je zweien oder dreien, man müsse sich nur vor Minen in der Nähe und in den Häusern selbst hüten.

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