Eine neue Wirtschaftspolitik nach Corona?

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26-12-20 12:15:00,

Der Corona-Schock hat die Weltwirtschaft massiv erschüttert. Dort, wo sich eine Normalisierung des Infektionsgeschehens abzeichnet, wollen alle so schnell wie möglich zurück zur Normalität – ganz besonders in wirtschaftlicher Hinsicht. Doch gibt es die ökonomische Normalität von vor der Krise nicht mehr. Zu stark waren die Erschütterungen, als dass die Wirtschaft nach der Krise die Wirtschaft sein könnte, die wir vorher kannten. Jetzt kommt es darauf an, keine neuen gravierenden Fehler zu machen, die in Deutschland, Europa und der ganzen Welt die wirtschaftliche Entwicklung auf Jahre hinaus schädigen könnten, schreiben Friederike Spiecker, Stefan Dudey und Heiner Flassbeck in ihrem „Atlas der Weltwirtschaft 2020/21 – Zahlen, Fakten und Analysen zur globalisierten Ökonomie“. Ein Auszug.

In den USA kann man derzeit ein Lehrstück in Sachen falscher wirtschaftspolitischer Weichenstellungen miterleben. Die Unternehmen beginnen nämlich, die Löhne der Mitarbeiter zu kürzen, weil die Arbeitslosigkeit hoch ist und sich Arbeiter in existenzieller Not gegenseitig herunterkonkurrieren. Das ist fatal, weil die amerikanische Wirtschaft mehr als irgendeine andere auf Konsum angewiesen ist. Eine Kürzung der Löhne führt unmittelbar zu einem Konsumrückgang, der die Unternehmen insgesamt schädigt. Wird aus der Lohnkürzung ein Massenphänomen – und wer wollte das bei »frei« entscheidenden Unternehmen verhindern? –, sind die Lohnkürzungen der direkte Weg in die Deflation und eine wirklich kaum noch zu beherrschende Krise. Im Kapitel »Preise« gehen wir auf die Gründe ein, warum ein insgesamt fallendes Preisniveau so gefährlich ist.

Dieses einzelwirtschaftlich durchaus verständliche Verhalten der Unternehmen ist genau das, was in der großen Depression der 1930er-Jahre in vielen Ländern einschließlich Deutschlands die gesamtwirtschaftliche Krise dramatisch verschärfte: Die Deflation wurde dabei durch den Teufelskreis angetrieben, dass immer höhere Arbeitslosigkeit immer mehr Lohnkürzungen zur Folge hatte. Es ist mehr als tragisch, dass fast 100 Jahre später dieser brisante Zusammenhang offenbar noch immer nicht so verstanden wird, dass rechtzeitig eine klare wirtschaftspolitische Gegenstrategie entwickelt wird (siehe Info-Grafik).

Auch in Deutschland besteht bis weit in die Gewerkschaften hinein die Neigung, wegen der schwierigen Wirtschaftslage Lohnforderungen zu reduzieren. In manchen Branchen wie der Luftfahrtindustrie stehen sogar Lohnkürzungen auf dem Programm. In der Bauwirtschaft, die von den Corona-Maßnahmen kaum betroffen war, ist ein Schlichtungsergebnis für die Tarifverhandlungen mit einem Zuwachs von 2,6 Prozent vorgelegt worden. Das ist gemessen am mittelfristigen gesamtwirtschaftlichen Produktivitätstrend und der Zielinflationsrate von 2 Prozent zu wenig.

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