Weite Schicksalswege

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03-01-21 05:18:00,

In alter Zeit waren viele Menschen noch überzeugt, dass Träume oft Schicksalswinke Gottes enthielten, die der Mensch nicht einfach in den Wind schlagen soll, auch wenn sie zu befolgen, weite Wege und schwere Prüfungen bedeutet. Der arabische Geschichtsschreiber El Ixaqui berichtete, so erzählt der Schriftsteller Sorge Luis Borges, von der Begegnung zweier  Männer, die in ganz entgegengesetzter Weise mit ihren Träumen umgingen und dabei doch einem höheren Willen dienten. Dies soll in freier Weise nacherzählt werden.

In El Cairo lebte ein Mann, der große Reichtümer besaß, aber so großmütig und freigiebig gesinnt war, dass er sie alle nacheinander an Bedürftige verschenkte, bis auf sein Vaterhaus, in dem er wohnte. So sah er sich bald genötigt, hart zu arbeiten, um sein Brot zu verdienen. – Eines Abends ruhte er nach schwerem Tagwerk in seinem Garten nahe beim Brunnen unter einem großen Feigenbaum aus, als ihn der Schlaf übermannte. Im Traum erblickte er einen vermummten Mann, der ein Goldstück aus seinem Munde zog und zu ihm sprach: „Dein Glück ist in Persien, in Isfahan, geh dort hin und suche es.“

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(Pixabay)

Am folgenden Morgen machte er sich ohne Zögern und voller Gottvertrauen auf die weite Reise. Er bot den Gefahren der Wüste, der Schiffe, der Seeräuber, der reißenden Flüsse, der wilden Tiere und der Götzendiener die Stirn und gelangte endlich erschöpft, aber voller Zuversicht nach Isfahan. Doch bevor er in der Stadt eine Herberge finden konnte, überraschte ihn die Nacht, und er streckte sich im Hofe einer Moschee zum Schlafe aus.

Nun schlich sich in der Dunkelheit eine Diebesbande – der Allmächtige ließ es in seinem unergründlichen Ratschluss geschehen – über den Hof der Moschee, um in das Haus eines reichen Mannes in unmittelbarer Nachbarschaft einzusteigen. Doch durch den Lärm, den sie im Finstern nicht ganz vermeiden konnten, erwachten die Bewohner und schrien um Hilfe. Auch die davon aufgeschreckten Nachbarn schrien laut, bis der Hauptmann der Nachtwächter dieses Stadtviertels mit seinen Leuten herbeieilte und die Diebe wieder über die Hofmauer der Moschee zurücksprangen.

Der Hauptmann befahl seinen Wächtern, Hof und Moschee zu durchsuchen, und sie stießen auf den Mann aus El Cairo, hielten ihn für einen der Diebe und versetzten ihm mit Bambusstöcken so zahlreiche Schläge, dass er mehr tot als lebendig ohnmächtig zu Boden ging.

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