Schweden am Scheideweg

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04-01-21 06:39:00,

Im Schwedischen, Dänischen und Norwegischen heißt Weihnachten heute „Jul“. Eines der bedeutendsten heidnischen Feste, das lange vor der Christianisierung gefeiert wurde, war das Julfest. Es dauerte zwölf Tage, und zwar vom 25. Dezember bis zum 6. Januar. Dem voraus geht am 21. Dezember die Wintersonnenwende. Die Tage werden wieder länger, das Licht kehrt zurück. Man muss jetzt Schaden abwenden, denn Magie und böser Zauber gehen um, so glaubte man einst in Schweden und Nordeuropa. Traditionen wie der Weihnachtsbaum stammen noch aus der heidnischen Zeit. Es ist die Zeit der Ungewissheit, in der Gegenwart und Zukunft aufeinandertreffen und man Gefahren abwenden muss. Von Henning Rosenbusch.

Besser lässt sich die derzeitige Situation in Sachen Corona in Schweden kaum beschreiben. Die Angst geht um, vor weiteren Toten und einem überlasteten Gesundheitssystem durch die Covid-19-Pandemie. Gegenwart und Zukunft treffen aufeinander, weil der schwedische Sonderweg nun schlussendlich, nach einem dreiviertel Jahr voller Unkenrufen, doch am Scheidepunkt angekommen ist und von den Gesundheitsbehörden, in einer verzweifelten Antwort auf die mehrfach vorgezogenen und forcierten neuen Gesetzesvorhaben der Regierung Löfven, vehement verteidigt wird. Ungewissheit herrscht darüber, wie weit das neue Pandemie-Gesetz in die Grundrechte der Menschen eingreifen wird, sofern dies in Schweden verfassungsrechtlich in dieser Geschwindigkeit überhaupt zulässig ist. Und aufgrund dessen gibt es auch noch andere, in Deutschland bekannte, in Schweden neue Ängste vor zu tiefen Eingriffen des Staates in das tägliche Leben und die Freiheit. Nur in einem sind sich alle einig: Gefahren müssen abgewendet werden.

Der Großteil der schwedischen Medien und auch die Regierung fokussieren und konzentrieren sich in dieser Frage mehr denn je auf das Sterben mit und an Covid-19, auf steigende Fallzahlen, (angeblich) überlastete Hospitäler und auf die Suche nach den Fehlern, die in diesem Zusammenhang in Schweden geschehen sind. Der erste Teilbericht des schwedischen Corona-Untersuchungsausschusses, der wie angekündigt Mitte Dezember veröffentlicht wurde, lieferte dafür reichlich Anklagepunkte und die Schuldigen sind darin eindeutig benannt worden, er liest sich wie eine schallende Ohrfeige für die Regierung. „Der Pflegebereich war unvorbereitet und schlecht ausgerüstet, so war keine Pandemie zu bewältigen“, heißt es in den mehr als 300 Seiten und: „Für diese Versäumnisse trägt die jetzige Regierung, wie auch die früheren, die eindeutige Verantwortung“, lautet das Urteil der Kommission.

Und hierauf bezog sich König Carl Gustav vor allem, als er zwei Tage später bei einem Rückblick aufs Jahr 2020 verkündete: „Schweden hat versagt“.

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