Der konforme Abweichler

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07-01-21 11:39:00,

von David Edwards

Die Londoner Tageszeitung The Guardian erlebte unter ihrem langjährigen Chefredakteur und Herausgeber Alan Rusbridger (1995 bis 2015) ihren Aufstieg von einem britischen zu einem internationalen Blatt. Sie veröffentlichte Enthüllungen von Snowden und Assange und gewann einen Pulitzerpreis. Als Mainstreammedium gab man sich ansonsten staatstragend und legitimierte die britischen Militäreinsätze im Irak und Libyen, sehr zum Verdruss des australischen Guardian-Kolumnisten und Dokumentarfilmers John Pilger. Diese Auseinandersetzung hat nun in Rusbridgers neuem Buch Gestalt angenommen — und wird hier weiter aufbereitet und diskutiert von Media Lens, einem seit 2001 bestehenden Online Magazin, das sich ganz der Medienkritik verschrieben hat.

Als er merkte, wie schwer es Journalisten fiel, nicht über Media Lens zu reden, und sei es nur, um zu lästern, schrieb uns Glenn Greenwald 2012 über Twitter: „Bei den Kommentatoren des Establishments seid Ihr bekannter als irgendjemand sonst — Glückwunsch!“ (1).

Wenn das damals so war, so fühlt es sich heute mehr an wie „aus den Augen, aus dem Sinn“. Auf Twitter hat man uns massenhaft blockiert (2), selbst so liebenswerte Liberale wie Jeremy Bowen, Jon Snow, Mark Steel (jawohl, der „radikale“ Mark Steel!), Steve Bell, Frankie Boyle — je weniger wir darüber sagen, desto besser — und, natürlich, Owen Jones und George Monbiot.

Wo es früher möglich war, mit höflichen Fragen lange, nachdenkliche Antworten zu provozieren, zum Beispiel von Richard Sambrook, dem Chef von BBC News, oder Ian Mayes, dem Leserbriefredakteur des Guardian, herrscht heute düstere Stille. Wie Noam Chomsky es für uns kommentierte: „Ich bin wirklich beeindruckt von dem, was Ihr da macht, auch wenn es wie der Versuch ist, einen Zehntonner LKW mit einem Zahnstocher in Bewegung zu setzen. Sie werden es nicht zulassen, bloßgestellt zu werden“ (3).

Da macht es für den Zehntonner doch Sinn, den Zahnstocher zu ignorieren. Denn was hat er bei einer Auseinandersetzung zu gewinnen, wenn er einfach auf seiner Straße weiterbrausen kann? Wozu die eigene Reputation aufs Spiel setzen?

Ein journalistischer Freund — einer jener „Sleeper“, die wir im Mainstream plaziert haben — schrieb uns:

„Ihr solltet die Reaktion sehen, wenn jemand im Redaktionsraum Chomsky oder Pilger erwähnt. Alle laufen in die entgegengesetzte Richtung und man sieht die Angst in ihren Augen.

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