Deutsche Medien stehen vor dem Scherbenhaufen ihrer idealisierten amerikanischen Demokratie

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07-01-21 09:19:00,

Was gestern in Washington passierte, ist schon bemerkenswert. Für uns noch interessanter ist die Reaktion deutscher Medienschaffender. Besonders bemerkenswert zum Beispiel im Heute Journal und im Handelsblatt Morning Briefing. Die Moderatorin des Heute Journals, Marietta Slomka, war tief erschüttert, als sie Bilder davon zeigte, wie der „Plebs“ die heiligen Hallen der US-amerikanischen Demokratie besetzte – das „Herz der Demokratie“, wie Elmar Theveßen ergänzte. Was da geschah, widersprach offensichtlich allen ihren idealisierten Vorstellungen von der US-amerikanischen Demokratie. Keine der bisherigen undemokratischen Fakten hat ihr Weltbild erschüttert – nicht die Tatsache, dass man Millionen und Milliarden braucht, um in den USA Präsident zu werden, nicht die Tatsache, dass die Finanzwirtschaft großen Einfluss auf die politische Gestaltung des Landes hat, … Albrecht Müller.

… nicht die Tatsache, dass die Rüstungswirtschaft die Außen- und Verteidigungspolitik der USA weitgehend bestimmt, dass im Namen dieser „Demokratie“ mit Fälschungen wie beim Irakkrieg Kriege begründet und Hunderttausende von Menschen getötet werden, dass um der Absicherung US-amerikanischer Ressourceninteressen willen Kriege geführt und junge US-Amerikaner verheizt werden. Auch nicht die Tatsache, dass der kommende Präsident Biden eng mit diesem Einfluss von Finanzwirtschaft und Rüstungswirtschaft verbunden ist, hat das Bild von der unbefleckten US-amerikanischen Demokratie gestört – nein, dass es Anhängern von Trump gelungen ist, das Kapitol zu besetzen und dass einer dieser Typen des gemeinen Volkes gar Platz auf dem Stuhl des Sitzungspräsidenten nahm – das stört das Bild vom idealen demokratischen Amerika. Die vier Toten, die die Wiederherstellung der Ordnung bisher gekostet haben, werden das schöne Bild vermutlich weniger stören, genauso wenig, wie die Missachtung der schlechten Lebenswelt und der miserablen sozialen Lage von Millionen Amerikanern das Bild stört.

Eine beeindruckend große Zahl von deutschen Medienschaffenden ist offenbar einer publizistischen Schule entsprungen, die die USA und die dortigen Zustände verklärt. Dass dort, in Washington und anderswo in den USA, das Herz der „Guten“ in der Welt schlägt, haben sie mit der journalistischen Muttermilch eingesogen. Deshalb hat sie die Wahl eines Donald Trump zum Präsidenten auf dem falschen Fuß erwischt und deshalb können sie nicht begreifen, dass möglich ist, was gestern geschah. Auch die wenigstens teilweise erkennbare Verbrüderung von Polizisten und Trump-Anhängern, die den Sturm auf das Kapitol vermutlich erleichtert hat, passt nicht in ihr angelerntes Weltbild.

Ausdrücklich will ich anmerken, dass die Kritik an der beschönigenden Vorstellung unserer Hauptmedien von der US-amerikanischen Realität und Demokratie keinerlei Rechtfertigung des noch amtierenden US-Präsidenten Trump ist.

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