Ins Bodenlose

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08-01-21 08:30:00,

„Mit Gesellschaft im prägnanten Sinn“, so definieren Horkheimer und Adorno und das Frankfurter Institut für Sozialforschung, „meint man eine Art Gefüge zwischen den Menschen, in dem alles und alle von allen abhängen; in dem das Ganze sich erhält nur durch die Einheit der von sämtlichen Mitgliedern erfüllten Funktionen, und in dem jedem Einzelnen grundsätzlich eine solche Funktion zufällt, während zugleich jeder Einzelne durch seine Zugehörigkeit zu dem totalen Gefüge in weitem Maße bestimmt wird.“

Gesellschaft hat ein ökonomisches Fundament, eine organisatorische Struktur, die Institutionen, ein Werte- und ein Normensystem, an das sich die Bürger zu halten haben, wenn sie keine entsprechenden Sanktionen riskieren wollen; so entstehen auch Gewohnheiten, von denen Arnold Gehlen schreibt, dass sie das „unsichere Wesen Mensch“ erst absichern. Das Ergebnis sind Kohärenz und Zusammenhalt, die dem einzelnen Individuum ebenso sehr Stabilität verleihen wie der Gesellschaft als ganzer.

In den letzten fünf Jahrzehnten haben sich diese Wirklichkeiten in einem dramatischen Maße verändert. Frühere Epochen waren dadurch charakterisiert, dass sie klare Wert- und Normvorstellungen besaßen und dass über deren Einhaltung gewacht wurde.

Gut und böse, richtig und falsch, normal und anormal: das alles war eindeutig bestimmt, und Abweichungen von den Regeln wurden sanktioniert. So waren mindestens bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, wahrscheinlich sogar bis zum Ersten Weltkrieg Autorität, gesellschaftliche Standes- und Hierarchievorstellungen, Religion und Kirche, Besitz und Erbe, Reichtum und Armut, Ehre und Unehrenhaftigkeit — um nur einige Bereiche zu bezeichnen — traditionelle Werte, die respektiert waren.

Aktuell leben wir in der Epoche des postmodernen Pluralismus, das heißt: Heute ist alles möglich. Immer mehr Grenzen fallen; kaum gibt es sie noch. Zwischen den Kontinenten, den Supermächten, den politischen Blöcken von einst, den Nationen und Rassen brechen die Gitter und eisernen Vorhänge ein, auch zwischen den Geschlechtern, zwischen Frauen und Männern. Das mag über lange Zeiten betrachtet ein Fortschritt sein. Zunächst aber zeigen sich die negativen Folgen: Verhaltensunsicherheit, Schlamassel, Ratlosigkeit, Orientierungsprobleme, ein Mehr an psychischen Erkrankungen, Hilflosigkeit. Die zwischenmenschliche Gewalt hat zugenommen.

Wenn keine vorgegebenen Normen und Regeln mehr existieren, um das Zusammenleben a priori zu ordnen, bedarf es des ständigen Aushandelns im Gespräch, um den Alltag der Betroffenen aufrechtzuerhalten. Nichts ist mehr selbstverständlich.

Die Freiheit der Akteure ist zwar ins Immense gewachsen, verlangt aber, weil sie ja nicht als solche reguliert ist,

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