An der Merzgrenze

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16-01-21 07:51:00,

Wer ist dein Herzblatt, CDU? Wer ist der Kandidat unser aller Herzen? Wem werden wir uns in einem Dreivierteljahr willig als unserem Kanzler unterwerfen? Der virtuelle CDU-Parteitag ist seit dem 15. Januar 2021 im Gange, nur die Verkündigung des Ergebnisses lässt noch auf sich warten. Deutschland fiebert.

Wir erleben in diesen Tagen ein Szenario, das an die altgriechische Sage vom „Urteil des Paris“ erinnert. Der trojanische Königssohn wurde von drei Göttinnen heimgesucht — Aphrodite, Hera und Athene —, die ihn baten, der schönsten unter ihnen einen Apfel zu überreichen. Die CDU steht vor einer ähnlichen Wahl. Dabei entspricht vermutlich Norbert Röttgen der Göttin der Schönheit — sein Kinngrübchen und sein grauer, perfekt gescheitelter Haaransatz erinnern viele nicht zu Unrecht an George Clooney.

Armin Laschet entspräche demgemäß Hera. Denn die Göttermutter steht für Macht und Herrschaft, und Laschet ist der einzige der Kombattanten, der über ein eigenes Reich herrscht, Nordrhein-Westfalen. Bleibt als drittes die Weisheit, verkörpert durch die Göttin Pallas Athene. Dem entspräche dann … nun ja, irgendwo haben solche mythologischen Vergleiche natürlich auch ihre Grenzen.

Einer der drei Kandidaten wird mit größerer Wahrscheinlichkeit als Sieger aus dem politischen Schönheitswettbewerb hervorgehen: Friedrich Merz. Grund genug, sich diesen Mann etwas genauer anzuschauen. Da seine jüngste Parteitagsrede noch nicht bekannt ist, lohnt es, sich eine seiner älteren Reden zu Gemüte zu führen, jene vom 23. November 2019. Um zu wissen, wie ein Eintopf schmeckt, muss man ihn nicht vollständig verzehren. So hilft auch die Analyse eines beliebigen Ausschnitts aus dem rednerischen Œuvre von Friedrich Merz, um seine Wesensart zu erfassen.

Merz wirkte zu Beginn seiner Rede etwas unsicher — eine Seltenheit in einem politischen Umfeld, in dem selbstbewusstes Auftreten professionell kultiviert wird. Nachdem die Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer kurz zuvor die Rücktrittsdrohungs-Keule gezückt und damit Jubelorgien geerntet hatte, wirkte Merz kleinlaut. Er musste sich erst wieder ein bisschen fangen, was er durch betont energisches Hervorstoßen von Satzbruchstücken zu kompensieren suchte.

Friedrich Merz muss auch nicht gut sein, denn er ist der Kandidat der Finanzindustrie und der ihr gewogenen Medien.

Dem Presseliebling wird schon ein mit ein paar Witzchen gewürztes Gestammel als große Rede abgekauft. „Die SPD ist strukturell illoyal“, sagte er. „Wir sind loyal — zu unserer Vorsitzenden und zur Bundesregierung.“ Wenn der Möchtegern-Kanzlerkandidat mit einer Strategie nicht durchkommt — etwa mit harscher,

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