Einladung zur Wahrhaftigkeit

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21-01-21 02:11:00,

„Es ist leichter, die Menschen zu täuschen, als sie davon zu überzeugen, dass sie getäuscht worden sind.“ Auf der Suche nach Hintergründen des globalen Corona-Ausnahmezustandes stieß ich wiederholt auf dieses Zitat des Schriftstellers Mark Twain. Der weltweit bekannte Autor war ein Vertreter des Genres „Amerikanischer Realismus“. Mit scharfem Blick und pointierten Worten nahm er die damaligen sozialen Verhältnisse kritisch unter die Lupe, entlarvte Widersprüchlichkeiten und stellte menschliche Schwächen schonungslos bloß.

Twains wohl bekanntester Romanheld ist Tom Sawyer, ein Waisenkind, welches bei seiner Tante Polly aufwächst. Im Gegensatz zu seinem braven Halbbruder Sid ist Tom ein frecher Schlingel, der oft die Schule schwänzt und sich hin und wieder prügelt. Als er nach einer Prügelei wieder einmal mit schmutziger, zerrissener Kleidung heimkommt, soll er zur Strafe den langen Bretterzaun seiner Tante streichen. Tom ist davon natürlich alles andere als begeistert. Was könnte er an diesem strahlenden Sommertag nicht alles anstellen, wenn er sich nur nicht um diesen blöden Zaun kümmern müsste! Vergeblich versucht er, sich mit einem Tauschgeschäft von der lästigen Pflicht loszukaufen. Dann kommt auch noch sein Kumpel Ben vorbei und macht sich über ihn lustig.

Doch gewitzt wie Tom ist, dreht er den Spieß einfach um. Scheinbar ungerührt vom Spott seines Kameraden widmet er sich inbrünstig seiner Malerarbeit. So hingebungsvoll und konzentriert, dass sein Kumpel Lust bekommt, auch mal den Pinsel zu schwingen. Jetzt läuft Tom Sawyer zu Höchstform auf. Ungeniert flunkert er, dass seine Tante einzig und allein ihm diese große Aufgabe zutrauen würde: „Ja, sie gibt schrecklich viel auf diesen Zaun, deshalb muss ich das besonders sorgfältig machen! Ich glaube von tausend, ach was — zweitausend Jungen ist vielleicht nicht einer, der’s ihr recht machen kann, wie sie’s haben will“ (1).

Bens Ehrgeiz ist angestachelt. Nach weiteren Überredungsversuchen, von Tom scheinheilig abgewehrt, bietet er schließlich sogar einen Apfel als Bezahlung für seine Mitarbeit an. Immer mehr Kinder finden sich beim Zaun ein. Kleine Lausbuben, die vor jeder lästigen Pflicht normalerweise einen großen Bogen machen, sind plötzlich begierig darauf, ihr Malertalent zu beweisen. Tom steht grinsend daneben und beendet den Nachmittag reich beschenkt. Was hat er nicht alles dafür bekommen, nur weil andere für ihn arbeiten durften: zwölf Murmeln, einen Brummkreisel, eine tote Ratte, eine Sackpfeife und noch vieles, vieles mehr.

„Er war, ohne es selbst recht zu wissen“,

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