Wir sind Fleisch

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23-01-21 02:23:00,

Warum haben wir Angst? Wir fürchten den Tod. Momentan besonders den Tod durch „ein Killervirus“. Doch warum? Denken wir nach und erkennen: Wir fürchten nicht den Tod an sich. Wir fürchten uns vielmehr vor der Erschütterung unserer Weltordnung.

In dieser haben wir uns gedanklich außerhalb der Kreisläufe von Leben und Tod platziert. Dies ist der „Gründungsmythos“ unserer westlichen Gesellschaft, so verdeutlicht es der zeitgenössische französische Philosoph Baptiste Morizot (1). Die westliche Menschheit definiere sich seit ihren Anfängen „als Ausnahme in der Gemeinschaft der Lebewesen“, „der Gemeinschaft der Biomasse“ enthoben. So war sie fähig, ein „Draußen“ zu kreieren, das sie mit der Bezeichnung „Natur“ versah. Zu Recht fragt Morizot, wie sich dieser Mythos halten konnte. Dafür sei die Etablierung eines Tabus nötig gewesen, das er wie folgt beschreibt:

„Zwar dürfen wir Menschen uns von der in den Lebewesen enthaltenen Sonnenenergie ernähren, aber die anderen Lebewesen haben nicht das Recht, sich von der in uns enthaltenen Sonnenenergie zu ernähren.“

Morizot nennt dies eine „diodische“ Beziehung, bei der Energie „nur in eine Richtung“ läuft: von den anderen Lebewesen zum Menschen, aber nicht vom Menschen zu den anderen Lebewesen. Andere Lebewesen dürfen sich nicht von uns nähren, so wie wir es von ihnen tun. Sonst würden wir „zu Fleisch erniedrigt“ werden. Geschieht dies doch, gilt es als Tabubruch und die westliche Weltordnung muss „wiederhergestellt“ werden.

Morizot zeigt, wie sich dieses Verständnis durch unsere Geschichte zieht: In der „jüdisch-christlichen Tradition“ etwa würden Raubtiere nicht umsonst mit dem Teufel, dem Bösen gleichgesetzt. Diese Analogie sei eine wichtige Voraussetzung für ihre Ausrottung gewesen. Die erbarmungslose Jagd auf Spitzenprädatoren wie Wolf, Bär und Luchs wurde zur Wahrung des Gründungsmythos betrieben — „gern unter dem Vorwand, das eigene Zuchtvieh schützen zu wollen“, so schreibt Morizot. Das Vieh sollte schließlich nur den Menschen als Energiequelle dienen.

Nun mögen es heute nicht mehr die Raubtiere sein, die uns Angst bereiten — obwohl diese sicher in der Diskussion um die Rückkehr des Wolfes spürbar ist —, sondern wesentlich kleinere und schwerer greifbare Organismen. In unserer Angst vor SARS-CoV-2 zeigt sich: Wir halten an unserem Mythos fest. Wir glauben noch immer, wir stünden außerhalb der Energiekreisläufe des Lebendigen. Dabei bietet sich uns gerade jetzt die Chance, uns wieder in sie einzulassen. Das Virus kontrolliert unsere Population — wie es Viren nun einmal tun.

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