Corona und Psychologie: Angst arbeitet dem demokratischen Miteinander entgegen

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26-01-21 11:18:00,

Politik und Medien appellieren momentan gleichzeitig an die Gefühlsebene der Bürger. Dieser Weg ist ohne Fachleute eingeschlagen worden. Das führt zu einer psychologischen Vernachlässigung der Menschen und in Folge zu einer Gefahr für die Gesellschaft. Psychoanalytikerin Jane-Anna Spiekermann hat dazu Gedanken aufgeschrieben.

Längst ist die Angst überall sicht- und spürbar. Mal latent, mal manifest. Wenn eine Angst-Dynamik solche Ausmaße erreicht hat, wie es seit der Corona-Krise der Fall ist, handelt es sich um einen komplexen Vorgang, bei dem es sehr schwierig wird, die einzelnen Komponenten zu definieren und zwischen Anteilen der bewussten Herbeiführung sowie Anteilen der Eigendynamik zu unterscheiden.

Dass es auch Anteile der bewussten Herbeiführung gibt, ist spätestens durch ein vertrauliches Strategiepapier des Innenministeriums bekannt geworden. Über das siebzehnseitige Papier berichtete zuerst der Rechercheverbund aus Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR im März. Die Arte-Dokumentation „Sicherheit kontra Freiheit“ vom 10. November griff es wieder auf: „Dieses Papier legt die Vermutung nahe, dass die deutsche Regierung im Frühjahr u.a. auf Angst und Emotionen setzte“. So heißt es:

„Der Worst Case ist mit allen Folgen für die Bevölkerung in Deutschland unmissverständlich {…} zu verdeutlichen. Um die gewünschte Schockwirkung zu erzielen, müssen die konkreten Auswirkungen einer Durchseuchung auf die menschliche Gesellschaft verdeutlicht werden.“

Wenn nichts getan werde, prognostizieren die Verfasser ein Worst-Case-Szenario von über einer Million Toten im Jahre 2020 – für Deutschland allein. Es solle klargemacht werden, dass „viele Menschen qualvoll um Luft ringend zu Hause sterben. Kinder würden Eltern anstecken.“ Der Leiter des Innenministeriums bestätigte die Existenz des Papiers, wollte es aber nicht kommentieren, da es „nicht für die Öffentlichkeit bestimmt“ sei (zitiert nach taz.de vom 28.03.2020).

Gleich im Anschluss an diesen Auszug lässt Arte den Psychologen und renommierten Risikoforscher Prof. Gerd Gigerenzer aus dem Max-Planck-Institut für Bildungsforschung zu Wort kommen. Er erklärt, dass Menschen, die Angst haben, sich besser steuern lassen:

„Man kann vermuten, dass die Modell-Rechnungen, die am Anfang kursierten und die viel zu hoch waren, geholfen haben, dass Menschen genügend Angst bekamen, so dass sie die Hygiene-Regeln befolgt haben. Im Allgemeinen ist es so, dass Angst nicht nur eine ganz menschliche Reaktion ist, um Gefahren zu entgehen, sondern man kann die Angst auch etwas schüren, um nachzuhelfen – wie es möglicherweise dahinter gestanden ist –, damit die Menschen sich auch konformer verhalten.“

Die im Strategiepapier erwähnte „gewünschte Schockwirkung“ erklärt er psychologisch als Angst vor Schockrisiken.

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