Irren ist wissenschaftlich

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26-01-21 11:25:00,

„Die Welt besteht aus zwei Klassen — der der Gebildeten und der der Ignoranten — und es ist notwendig für den Fortschritt, dass den Ersteren erlaubt wird, über die Letzteren zu herrschen“ — Irving Fisher (1867 bis 1947), Wirtschaftswissenschaftler, einer der Begründer der Eugenik (1).

Die Geschichte der wissenschaftlichen Irrtümer ist unendlich. So umfasste das gesamte Arsenal der Medikamente in der Antike fast 5.000 Arzneien. Nach unserem gegenwärtigen Wissen hatten etwa zehn davon definitiv eine Wirkung, möglicherweise auch noch weitere zehn bis fünfzehn; alle anderen waren im besten Fall Placebos, eher sogar schädlich (2).

Der Aderlass, eine der meistverbreiteten Behandlungsmethoden seit Jahrtausenden, tötete mehr Menschen als ein großer Krieg. Natürlich hat Medizin seit der Antike, und insbesondere seit den Entdeckungen des 17. Jahrhunderts große Fortschritte erreicht; aber noch am Ende des aufgeklärten 19. Jahrhunderts, in der Epoche der Eisenbahn und des Telegraphen, hatte ein ernsthaft Erkrankter höhere Überlebenschancen, wenn er keinen Arzt besuchte, als wenn er einen besuchte. Für Honorare und Ansehen des Arztberufes war diese Tatsache übrigens ohne Belang.

Unser Thema soll aber nicht die Bestätigung eines trivialen Syllogismus sein: Irren ist menschlich, Wissenschaftler sind Menschen, ergo Wissenschaftler können irren. Wie sich die Wissenschaft über zahlreiche Irrtümer zur Wahrheit durchdrängt, darüber sind bereits Bibliotheken geschrieben. Auch lassen wir die abscheulichen Fälle beiseite, die Fälle von Betrug, Datenfälschung, Plagiat, Denunziation der wissenschaftlichen Konkurrenz, von politisch bedingten Pseudostudien.

Eines der berühmtesten Beispiele ist wahrscheinlich die Karriere des sowjetischen Pseudobiologen Trofim Lysenko, des Lieblings von Stalin. Solche Fälle haben mit der realen Wissenschaft nichts zu tun; das ist bloß Gaunerei, auch wenn sich die Betrüger „Wissenschaftler“ nennen. Jeder wahre Experte erkennt solche „Studien“ sofort als Unsinn.

„Der Aderlass, eine der meistverbreiteten Behandlungsmethoden seit Jahrtausenden, tötete mehr Menschen als ein großer Krieg.“

Wir sprechen dagegen über solche Ideen, die man mit Grund als echte Wissenschaft anerkennen konnte. Sie bauten auf einer soliden Basis, auch wenn sie im Laufe der Zeit zu Pseudowissenschaft entarteten. Wenn auch die Schneider dem Kaiser, wie sich im Nachhinein erwies, unsichtbare Kleidung anfertigten, so taten sie dies — im Gegensatz zu den oben erwähnten Ganoven — ohne betrügerische Absichten, sondern mit echter (und begründeter!) Überzeugung, dass der Stoff tatsächlich existiere, und dass der Kaiser diese Kleidung tatsächlich unbedingt benötige.

Und weil wir schon beim Thema Stoff sind: Shakespeares Zauberer Prospero sprach von einem „Stoff,

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